Ob Gruitener Kegler auch schon vor Jahrhunderten „Gut Holz“ gerufen haben, wenn alle Neune oder der Kranz gefallen waren, ist nicht überliefert. Aber gekegelt wurde in Gruiten wirklich schon vor mehr als 300 Jahren. Woher wir das wissen? Nicht etwa, weil die Kegler selbst Nachrichten über sich hinterlassen hätten, sondern nur, weil die Kegler unangenehm aufgefallen waren.

Sie hatten durch ihr Kegelspielen den Sonntag entweiht – und das nicht nur einmal, sondern immer wieder.[1] 1714 war es dann soweit, dass „von oben“ eingeschritten wurde. Es wurde einhellig beschlossen, dass sowohl die Wirte im Dorf, die das Kegeln am Tage des Herrn weiter dulden, als auch deren Gäste, die auf den Kegelbahnen sich einfinden, von nun an ohne Ansehen der Person hart bestraft und von des Herrn Abendmahl zu ihrer Schande ausgeschlossen werden sollen. Der Schluss des Textes macht deutlich, dass es sich um einen kirchlichen Beschluss handelt, dem folgerichtig noch angefügt war, dass der Pastor dies am nächsten Sonntag der Gemeinde zu jedermanns Warnung bekannt machen soll.[2] Nach diesem Text kann man wohl als gesichert annehmen, dass es Anfang des 18. Jahrhunderts bereits mehr als eine Kegelbahn in Gruiten gegeben hat, denn es ist von Wirten und Kegelbahnen die Rede. 

Wo damals in Gruiten gekegelt wurde, ist nicht bekannt. Der erste handfeste Nachweis einer Gruitener Kegelbahn findet sich erst gut 100 Jahre später. Abgebildet ist sie in einem Plan des Hauses (siehe Titelbild[3]), das damals an der scharfen Kurve der Dorfstraße (heute Pastor-Vömel-Straße) stand. (Rund 50 Jahre später wurde dem Haus gegenüber die neue katholische Kirche erbaut.) „Keegelbahn“ heißt es in der Legende des Plans von 1829 zu dem mit „D“ bezeichneten Gebäude. 

Weitere 90 Jahre vergehen, ehe wir erstmals etwas von den Keglern selbst hören, weil das Protokollbuch des 1919 gegründeten Kegelklubs „Kranz“[4] erhalten geblieben ist.

Protokollbuch (1)AusschnProtokollbuch (2)Ausschn

Das Klublokal dieses Vereins lag aber nicht im Dorf, sondern im um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert neu entstandenen Ortsteil „Station“. Das Protokollbuch reicht bis 1935 und enthält nur eine Kegelpause. Am 29.8.1923 hatten sich die Kegelbrüder im Osterholz bei Hast („Neu Amerika“) getroffen. Wenn die Stimmung auch als gut bezeichnet werden konnte, so lag doch über allen der Alpdruck der französischen Besetzung und die trauriger werdenden wirtschaftlichen Verhältnisse ist die letzte Eintragung vor der Pause. Erst am 15.7.1924 traf man sich wieder. Im Protokollbuch lesen wir: Nachdem seit Ende vorigen Jahres durch Einführung der Rentenmark stabile Verhältnisse [nach der Inflation!] eingetreten sind, die ganze Wirtschaft sich auf die neue Währung eingestellt hat, wurde auch wieder der Wunsch nach den unvergeßlichen Kegelabenden laut. Getroffen hatte man sich bei Heringloh (heute „Keglerheim Förster“), weil das eigentliche Klublokal Sauer noch geschlossen war und bei Heringloh eine neue Kegelbahn gebaut werden sollte. Aber zu einem Wechsel des Klublokals kam es zunächst nicht. Am 22.8.1924 wurde notiert, dass wieder 5 Kegelabende im alten trauten Heim des Klubs bei Sauer abgehalten worden waren. Ende 1925 fand dann aber doch eine Verlegung des Klublokals statt. Wilhelm Sauer hatte seine Wirtschaft verpachtet (neuer Inh. Nußbaum) und bei Heringloh war inzwischen eine neue Kegelbahn mit Heizung fertiggestellt worden. Am 10.11.1925 fand der erste Kegelabend bei Heringloh statt. Alle waren überrascht von den unbestreitbaren Vorteilen der neuen Bahn, wurde dazu festgehalten, aber auch vermerkt, dass viele „Pudel“ geworfen wurden, weil die Bahn 6 Meter länger war, als die bisher gewohnte. 

Im Jahresbericht 1933 wird dann die politische Umwälzung in Deutschland sehr deutlich: In dem äußeren Bild der Kegelabende trat im letzten Jahr insofern eine Änderung ein, als einige Kegelbrüder in der braunen Uniform das Bild beleben. Die nationale Erhebung des Deutschen Volkes mit Adolf Hitler an der Spitze wurde auch in unserem Klub freudig begrüßt, und jeder vom Kegelklub Kranz wird seinen Mann stellen, wenn Adolf Hitler, dessen Bild schon seit Jahren unsere Kegelbahn schmückt, ihn ruft. 1934 führte der Klub das Führerprinzip ein, allerdings ohne personelle Veränderungen im Vorstand. Der Vorsitzende hieß nun Klubführer; als er Mitte 1935 nach Köln verzieht und sein Amt aufgibt, wird er jedoch als Präses bezeichnet und wegen seines Abschieds zum Ehrenpräses ernannt. Die Jahresberichte 1934 und 1935 enden mit „Heil Hitler!“. Damit schließt das Protokollbuch. Eine Fortsetzung ist bisher nicht bekannt. Aber aus dem vorhandenen Jahresbericht 1947[4] ergibt sich, dass der Kegelklub Kranz nach 2 1/2-jähriger Pause am 2.5.1946 neu gegründet wurde, nachdem seine Statuten durch die Besatzungsbehörde genehmigt worden waren. Zu dieser Zeit scheint das alte Protokollbuch nicht bekannt gewesen zu sein, denn in diesem Jahresbericht wird als Gründungsdatum des Klubs der 9.1.1920 genannt. Weitere Protokolle und Jahresberichte fehlen, aber aus den vorhandenen Kegelkassenbüchern[4] ist zu schließen, dass der Klub bis mindestens 1959 bestanden hat. 

Inzwischen hatte sich ein Kegelklub „Alte Kameraden“ gebildet, der eine noch längere Zeit bestanden hat. 1998 konnte er bereits sein 50-jähriges Bestehen feiern. Dieser Klub traf sich in der Gaststätte „Scheifenhaus“ (Tetard) und blieb dort auch, nachdem sie ein neuer Inhaber übernommen und den Namen in „Am Mühlengrund“ geändert hatte. 1998 schrieben die Zeitungen[5]: Aus Anlaß des 40jährigen Bestehens wollten die „Alten Kameraden“ etwas Bleibendes für Gruiten schaffen. Sie machten der Stadt den Vorschlag, das Ehrenmal im Thunbusch auf ihre Kosten durch eine Bronzetafel zu ergänzen. Diese Tafel sollte an die Toten des Zweiten Weltkrieges und an die Opfer von Bomben, Vertreibung und Gewaltherrschaft erinnern. Die Stadt Haan nahm das Angebot jedoch nicht an; sie hat aber mittlerweile eine entsprechende Tafel anbringen lassen. 

Lothar Weller, 21.12.2018 (Abbildungen: Repros von mir)

Link: Haaner Treff, 9.1.2019, S. 10.


[1] Zur Bewertung des Kegelns als eine Art Glücksspiel wie z.B. das Würfeln und das Kartenspielen (Mittelalter, frühe Neuzeit) siehe z.B. https://de.wikipedia.org/wiki/Kegeln.

[2] Archiv der ref. Kirchengemeinde Gruiten, Protokollbuch des Consistoriums (heute Presbyterium). 

[3] Gruitener Archive, Zeichnung „PLAN Ueber daß […] im Dorf Gruiten gelegenes, aufm Diek Benendtes Erbe […]“ von Abrah[am] Wülfing, Landmesser, Holthausen den 16. Novbr. 1829. 

[4] Gruitener Archive, Sammlung „Kegelklub Kranz“

[5] Rheinische Post 1998 (genaues Datum nicht bekannt) und Haaner Treff, 5.8.1998.  

 

Werbeanzeigen