Die älteste Ansicht von Kirche und Haus Schöller

Repro (Ausschnitt) einer Zeichnung von 1671, die im Landesarchiv NRW liegt (Abteilung Rheinland, RW Karten, Nr. 1840).

Manchmal bin ich in Versuchung, zu denken: „Wie gut, dass es zu allen Zeiten Streit und Zwistigkeiten gab, denn ohne sie wüssten wir über die alten Zeiten sehr viel weniger“. So ist es z.B. mit der obigen Abbildung aus dem Jahre 1671. Angefertigt wurde sie nämlich, weil es Streit gab, sonst hätte es gar keinen Grund gegeben, die Kirche und das Haus Schöller so zu zeichnen. Und weil die Zeichnung zu den Unterlagen einer Auseinandersetzung zwischen der Kirchengemeinde und der Herrschaft zu Schöller gehörte, ist sie auch gut erhalten geblieben.

Schon Fritz Breidbach hat zwar diese alte Ansicht gekannt und in seinem Gruiten-Buch 19701 auch verwendet, aber noch über 20 Jahre später schrieb Florian Speer2 dazu: „Sie wurde zwar in Breidbachs Ortsgeschichte von Gruiten abgedruckt, ist aber bislang weitgehend unbekannt geblieben, und wurde für die bisherige Baubetrachtung der Kirche nicht genutzt“. Das hat Speer mit seiner Ausarbeitung dann gründlich geändert. Ihm verdanken wir aber auch folgende Beschreibung der 21×33 cm großen Zeichnung: „… zeigt das Ende des 18. Jahrhunderts abgebrochene Haus Schöller mit seinem Ecktürmchen, einem sich anschließenden Gebäudeteil Der Gang [zwischen] dem Hauß und Kirch, den Kirchturm mit einem südlich vorgelagerten Anbau Capell und Hauß begrabnuß [Hausbegräbnisstätte], sowie das Kirchenschiff Kirch. Weiter sind der Garten des Hauses Schöller, der Kirchhof, die Trennmauer zwischen dem Haus Schöller und der Kirche, die Kirchhofsmauer und die Gebäudeplätze Offerhaus und Halle namentlich genannt.“

Auch den Anlass für den Streit beschreibt Speer in seiner Schrift: „Im Jahre 1654 ließ die Frau von Schöller, als Inhaberin des großen Feldzehnten dazu verpflichtet, das Dach des Kirchenschiffs durch einen Leyendecker [Leyen=Schieferplatten] reparieren. Infolge dieser Reparatur kam es zu einem Streit zwischen dem Haus Schöller und der Kirchengemeinde, der bei der herzoglichen Hofkanzlei anhängig gewesen, aber im Laufe der Jahre ins Stocken geraten war. […] Die Reparatur des Jahres 1654 war anscheinend ungenügend, denn schon zum Ende der 60er Jahre des 17. Jahrhunderts finden sich Klagen über den schlechten Zustand des Gebäudes. Prediger Ahlius sieht sich genötigt zu einer Kollektenreise aufzubrechen, die ihn 1669 u.a. zur Utrechter Synode führt, um Gelder für die Reparatur der Kirche zu sammeln. In der Zwischenzeit forderte die Gemeinde vom Herrn von Schöller außer der Reparatur die Zahlung einer Zinssumme, deren Zahlung über einen längeren Zeitraum ausgeblieben war. Nachdem auch diese Forderung der Gemeinde nicht freiwillig erfüllt wurde, wandte sich die Gemeinde an den Richter von Solingen […], um eine Verfügung gegen den Herrn von Schöller zu erwirken. Der Richter wollte nicht auf eigene Faust handeln und setzte sich wiederum mit der Regierung in Düsseldorf ins Benehmen, die von ihm im Dezember 1670 und Januar 1671 mehrere Stellungnahmen anforderte. […] Die fragliche Zeichnung ist höchstwahrscheinlich in diesem Zusammenhang […] vom Solinger Richter in Auftrag gegeben worden. Dafür spricht neben der früheren Zugehörigkeit in diesen Aktenbestand vor allem, daß in dieser Streitsituation die Zeichnung nicht einseitig die Position einer Partei unterstreicht. Die Kirchengemeinde hätte sicherlich nicht darauf verzichtet, die Kirche in desolatem Zustand abzubilden, dessen Verbesserung eines ihrer Hauptanliegen war. Gegen eine Auftragszeichnung des Herrn von Schöller spricht die deutliche Kenntlichmachung der Elemente, die ihn mit der Kirche verbinden, und aus denen Rückschlüsse auf seine Zahlungsverpflichtung hätten gezogen werden können. Darüber hinaus läßt die Art der Darstellung mit ihren Beschriftungen keinen anderen Schluß zu: hier sollte informiert werden.“

Die Abbildung oben ist die bisher einzige bekannte mit einem Blick aus südlicher Richtung. Alle anderen zeigen den Blick aus nordwestlich bis nördlicher Richtung. Dabei handelt es sich in der Mehrzahl um Fotos, die mindestens 200 Jahre jünger sind als die Abbildung von 1671.

Haus Schöller, links der Turm der reformierten Kirche. Foto (um 1900, Ausschnitt): Hugo Büchter, Repro: Archiv Breidbach, Bild O43.
Gemälde von C.M Seyppel (1899), Blick vom Weg zur Mühle auf Haus Schöller und den Kirchturm. Repro: Archiv Breidbach, Bild v02.
Dieses und das folgende Foto sind jünger als die vorhergehenden Bilder, denn das Gebäude links (unterhalb des Kirchturms) hat jetzt ein durchgehendes Dach. Rechts unten am Teich die Mühle. Repro: Archiv Kuth, Bild OSchö02.
Repro: Archiv Kuth, Bild OSchö05.
Dieses Foto ist wiederum jünger als die vorhergehenden, denn nun steht zwischen dem Turm des Hauses Schöller und der Mühle eine Scheune mit Werbetext am Giebel. Repro: Archiv Kuth, Bild OSchö06.
Auch auf diesem Foto (erneut jünger als das vorhergehende) ist das Dach der Scheune zu sehen. Foto: Archiv Breidbach, Bild A19.
Blick aus südlicher Richtung. Links im Bild ist das Dach der Scheune zu erahnen; sie muss noch bis mindestens 1980 vorhanden gewesen sein. Foto (1980): Gerard Clemens.
Mühle (vorne), Turm von Haus Schöller und Kirchturm (hinten). Foto (2005): von mir.

Lothar Weller, 3.12.2020 (Nach Hinweisen von Gerard Clemens zur Datierung der Fotos geändert und erweitert: 3.12.2020.)

Anmerkung: Dies ist die erweiterte Fassung eines Beitrags, der im Gemeindebrief der reformierten Kirchengemeinde Gruiten-Schöller Nr. 4/2019 abgedruckt wurde.


1 Fritz Breidbach, Gruiten – Die Geschichte eines Dorfes an der Düssel, Gruiten 1970, S. 15.

2 Florian Speer, Anmerkungen zur evangelischen Kirche in Schöller, Wuppertal 1993, S. 21 f.



Der Turm von Haus Schöller

Auf der ältesten Ansicht von Kirche und Haus Schöller (Titelbild im Beitrag oben) fehlt der markante und wuchtige Turm. Vorhanden war er um diese Zeit (1671), aber für den damaligen Streitfall hatte er offenbar keine Bedeutung, sodass er in die Zeichnung nicht aufgenommen wurde. Eine Karte aus der Zeit um 1700, in der Schöller allerdings nur schematisch dargestellt ist, zeigt ihn aber (Abb. unten).

I: Kirche, Haus Schöller und der Wohnturm (am Weg hinab zur Mühle) sind nicht zusammenhängend, sondern von einander getrennt eingezeichnet. H: Die Mühle. Repro (Ausschnitt) von mir aus: Landesarchiv NRW, Digitalisat R_RW_Karten-01507_DinA0_r.

Früher wurde angenommen, der Turm sei bereits Mitte des 13. Jahrhunderts erbaut worden. Aber als durch einem Scheunenbrand 1988 auch das schiefergedeckte Pyramidendach mit dem Dachstuhl des Turms abgebrannt war, wurde der Turm vom Rheinischen Amt für Denkmalpflege untersucht. Das Ergebnis: Er stammt nicht aus dem Mittelalter, sondern ist aufgrund stilistischer Merkmale in die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts zu datieren. Da der Turm beheizbar war (Kamine) und abschließbare Aborte enthielt (Toilettenschacht in der Südwand), handelt es sich um einen für seine Zeit durchaus komfortablen Wohnturm, der aber äußerlich die aus dem Mittelalter überlieferten Formen eines Wehrturms aufweist, welche aber nur als Stilmittel eingesetzt wurden, um Wehrhaftigkeit (die praktisch nicht vorhanden war) und standesgerechtes Bauen zu demonstrieren. Hervorgehoben wird im Bericht über die Untersuchung des Turms* auch der schmiedeeiserne Fensterkorb, in dem der Auerbäumer Hannes der Legende nach gefangen gehalten worden sein soll (mehr zum Auerbäumer Hannes hier). Aber seine Bedeutung hat er nicht deswegen, sondern wegen seiner aufwändigen Schmiedearbeit mit ornamentalen Zierformen, die neben anderen Indizien für die Datierung des Turms wichtig ist: Der Fensterkorb hat nämlich von Anfang an zum Bau gehört (sitzt noch an der ursprünglichen Stelle) und ist kunsthistorisch dem 16. Jahrhundert zuzuordnen.

Lothar Weller, 7.12.2020


  • MH [Hartung], Bauuntersuchung am Wohnturm Schaesberg in Schöller, in: Denkmalpflege im Rheinland Nr. 1/1990, S. 22-25.