„Als im Jahre 1665 in hiesiger Gegend die Pest verheerend herrschte, ließ [der kath.] Pfarrer Frechen ein Kreuz in der Kirche [Alt-St.-Nikolaus aus dem 12. Jh.] aufstellen, das fortan zur Erinnerung an diese böse Zeit die Bezeichnung Pestkreuz trug. Es hat in der neuen Kirche [Neu-St.-Nikolaus, erbaut 1877-79] in der Nähe des Taufsteins seine Aufstellung gefunden.“ Das schrieb Fritz Breidbach 19701 und ergänzte an anderer Stelle: „Die Kriegsunruhen [z.B. die des Dreißigjährigen Kriegs 1618-48] waren von der Pest begleitet. 1638 trat sie auf und dann wieder von 1662 bis 1668 und wütete damals auch in Gruiten. Überall stellte man Pestkreuze auf […]. 1676 wurde das ganze Bergische Land von einer Ruhrepedemie heimgesucht.“2

Dafür, dass die Pest um 1665 in Gruiten wütete, sind bisher keine Belege gefunden worden. Das von Pfarrer Frechen ab 1658 geführte Kirchenbuch der katholischen Gemeinde St. Nikolaus enthält z.B. für die Zeit von 1661 bis 1670 nur vier Einträge über Sterbefälle/Beerdigungen, und bei keinem von ihnen gibt es einen Hinweis auf die Pest! Wenn, dann müsste die Pest ausschließlich die Reformierten getroffen haben, die zu dieser Zeit allerdings auch den weitaus größten Teil der Gruitener Einwohner stellten. Aber die Reformierten führten noch keine Kirchenbücher (die „Gemeinde“ war obrigkeitlich noch nicht anerkannt, bestand also offiziell gar nicht), sodass Informationen über Sterbefälle erst ab 1675 vorhanden sind. Ein Blick nach Schöller zeigt, dass auch dort nichts über Pesttote festgehalten wurde, was einen späteren Pastor von Schöller zu schreiben veranlasste: „Er [gemeint ist der damals in Schöller amtierende Pastor] hätte uns sagen können, wie nahe die Pest, welche 1665 als Würgeengel durchs Land zog, […] auch seiner Heimat Schöller gekommen [war].“3 Aber aus Mangel an Quellen (die Kirchenbücher von Schöller beginnen erst 1686) ist hier vorsichtshalber nur davon die Rede, wie nahe die Pest an Schöller herangekommen sei. Welche Orte damit gemeint sind, ist nicht zu erkennen, aber der Autor könnte z.B. Gräfrath im Sinn gehabt haben, denn dort sollen um 1665 viele an der Pest gestorben sein. Und auch aus anderen Orten unserer Gegend sind Pestepedemien bekannt (siehe Anhang).

Die von Breidbach auch erwähnte Ruhrepedemie gut 10 Jahre später ist dagegen für Gruiten gut belegt. Im Kirchenbuch der reformierten Gemeinde sind unter der Überschrift „Die hernach folgen sein am rohtlauff gestorben“ vom 18.7. bis 8.10.1676 insgesamt 23 Personen aufgeführt. Das erste Opfer war die erst 1 1/2 Jahre alte Tochter des Pastors. Nach der letzten Eintragung ist notiert: „Hie hatt die contagion [Ansteckung] auf gehoret“. Und auch im Kirchenbuch der katholischen Gemeinde ist ein Opfer aufgeführt: „Anno [1676], 8. Augusti Dyssenteria hic in Gruiten funeste grassante obiit Johannes Wilhelmus Piron, vix decennis“ (An der hier in Gruiten schrecklich wütenden Dysenterie [gemeint ist die Rotlauf-/Ruhrepedemie] starb …[Name], kaum 10 Jahre alt. Übersetzung: Günter Schruck.)

Das Pestkreuz

Die Überlieferung zum Gruitener Pestkreuz setzt erst sehr spät ein. In den alten Kirchenchroniken der Gemeinde St. Nikolaus wird es überhaupt nicht erwähnt. Erst 1934 ist in einem Kirchenvorstandsprotokoll zu lesen: „Der Vorsitzende teilt mit, daß von einem Pfarrangehörigen (Adolf Rauschmann) ein kunstvolles Wegekreuz angefertigt worden ist, daß er der Kirche zur Verfügung stellt. Der Christuskörper, der an dem Kreuz in einem sog. Marterlhäuschen seinen Platz finden soll, hat jahrelang auf dem Speicher des Pfarrhauses gelegen. Es ist von hohem künstlerischen Wert. Als Herstellungsjahr wird das Jahr 1670 1650 bezeichnet. In früherer Zeit hat es jahrzehntelang, vielleicht jahrhundertelang an der alten Kirche auf dem Friedhof gehangen. Es wird jetzt hergestellt und demnächst mit dem neuen Kreuz in der alten Treppe am Friedhof Aufstellung finden, also in unmittelbarer Nähe seines früheren Standorts. In Zukunft wird es hier bei der Pfarrprozession den hier befindlichen Altar und die versammelten Gläubigen überschauen.“4

Besonders auffällig ist, dass das Entstehungsjahr nicht mit 1665, sondern zunächst mit 1670 angegeben und dann auf 1650 geändert worden ist. Diese Unsicherheit, seit wann es das Gruitener Pestkreuz gab, hält lange an. Es gibt zwar ein Foto, auf dem dem Kreuz eine Tafel mit den Angaben „A.D. 1650 – R 1934″ beigegeben ist (Abb. unten), wobei „R 1934“ wohl die im oben zitierten Kirchenvorstandsprotokoll angekündigte Renovierung benennt, aber bei einer erneuten Restaurierung 1976 wurde in einem Zeitungsartikel das Pestkreuz als aus dem Jahr 1610 stammend bezeichnet.5 Dieser Zeitungsartikel ist ohne jeden Hinweis auf einen eventuellen Fehler in der Jahreszahl (in der Überschrift und im Text wiederholt) in die Kirchenchronik aufgenommen worden!

Pestkreuz in der neuen kath. Kirche. Foto (vermutlich um 1940): Gruitener Archive.

Welches die richtige Jahreszahl ist, wird sich wohl nicht mehr feststellen lassen, aber auch ich neige — ähnlich wie Fritz Breidbach — zu „um 1665“, genauer: zu 1666. Und zwar aus folgendem Grund: Gruiten hatte seit 1658 einen Pfarrer, der zuvor Vikar und Magister cantus choralis (Chorleiter) des Klosters Gräfrath gewesen war und auch noch bis 1661 nicht in Gruiten, sondern in Gräfrath wohnte. Diese enge Verbindung mit Gräfrath wird dazu geführt haben, dass er die Pestwelle, die 1666 durch Gräfrath rollte und in kurzer Zeit so viele Menschenleben hinraffte (s. Anhang), besonders intensiv wahrgenommen hat, denn man darf wohl unterstellen, dass er aus seiner Amtszeit in Gräfrath etliche der Opfer persönlich gekannt hat. Das könnte dann der Auslöser dafür gewesen sein, in Gruiten, das ja in direkter Nachbarschaft zu Gräfrath liegt, ein großes Kreuz in die Kirche zu hängen.

Dass es 1685 ein großes Kreuz in der alten Kirche gegeben hat ist durch die Beerdigung der einzigen Frau, die ihre letzte Ruhestätte in der Kirche gefunden hat, bezeugt. In der Eintragung im Kirchenbuch heißt es dazu, dass sie vor dem aufgerichteten Kruzifix („ante statuam crucifix“) in der Kirche beigesetzt wurde.6

Nach dem Abriss des Kirchenschiffs der alten Kirche (1895) ist das Kreuz wohl nicht in die neue Kirche übernommen worden, sondern hat am Nikolaus-Turm über dem Ostportal gehangen (Abb. unten).

Pestkreuz außen an der Ostseite des Turms der alten St.-Nikolaus-Kirche. (Die Bildunterschrift nennt sogar das 16. Jahrhundert als Entstehungszeit des Kreuzes, aber das wird wohl ein Fehler sein.) Foto (vermutlich um 1900): Gruitener Archive.

1934 hat dann der Korpus an einem neuen Kreuz seinen Platz in der (gesperrten) Treppe zum Friedhof gefunden.

Pestkreuz in der Treppe zum Friedhof. Foto (um 1937): Archiv Breidbach, Bd. 50, S. 34 und Sammlg. Kadatz #307.

Einer Notiz im Archiv St. Nikolaus ist zu entnehmen, dass das Kreuz aber nicht lange dort gestanden hat, weil es trotz des Schutzdachs doch zu sehr der Witterung ausgesetzt war (auch der Korpus ist aus Holz!). Es wurde abgenommen und durch ein Kreuz mit einem Korpus aus Bronze ersetzt. Wann das Pestkreuz in die neue Kirche Einzug gehalten hat, ist bisher nicht bekannt, aber auf einem Foto aus den letzten Jahren der Amtszeit von Prälat Marschall (1934-1962) ist es zu sehen (Abb. unten). Es hatte seinen Platz hinter dem Altar.

Pestkreuz hinter dem Altar. Foto (vermutlich um 1960, Ausschnitt): Gruitener Archive.

Pestkreuz hinter dem Altar (ohne „INRI“-Tafel). Foto (vermutlich um 1970, Ausschnitt): Gruitener Archive.

Die nächste Spur findet sich um 1975/76, als eine erneute Renovierung beim Wuppertaler Maler und Bildhauer Gerd Reifschneider in Auftrag gegeben wurde. Dabei wurde festgestellt, dass der Korpus aus „prächtig gemasertem Lindenholz“ besteht, das nach Entfernung der schwarzen Farbschicht zum Vorschein kam und nicht mehr übermalt wurde. Das aufgearbeitete Pestkreuz „hängt jetzt an kräftigen Hanfseilen oberhalb des Altars von Messingringen herab“, hieß es damals in der Zeitung.7

Renoviertes Pestkreuz an Seilen über dem Altar. Foto (1978, Ausschnitt): Heinrich Ahrweiler.

Pestkreuz an Seilen über dem Altar. Foto (undatiert): Archiv St. Nikolaus.

Pestkreuz über dem Altar. Foto (aus der Zeit von Pfarrer Muijsers, 1979-97): Gruitener Archive.

Lothar Weller, Stand 18.11.2022 – Titelabbildung (Pestkreuzdetail, Christuskopf): von mir montiert aus Foto: Archiv Ahrweiler, AA17.


1 Fritz Breidbach, Gruiten …, Gruiten 1970, S. 19.

2 Wie Anm. 1, S. 83.

3 Matthias Henrici, Aus der Geschichte der Gemeinde Schöller, in: Monatshefte für Rheinische Kirchengeschichte, 30. Jg., Essen 1936, S. 227.

4 Archiv St. Nikolaus, Protokoll der Kirchenvorstandssitzung vom 23.9.1934.

5 Wie Anm. 4, Chronik III (1962-1978).

6 Wie Anm. 4, Sterbe-/Beerdigungseintrag vom 4.2.1685 im Kirchenbuch.

7 Wie Anm. 4, Chronik II, Artikel „Pestkreuz aus dem Jahr 1610“ (bereits oben im Beitrag erwähnt) vom 10.8.1976.


Anhang

Nachrichten über Pestausbrüche in unserer Gegend im 17. Jahrhundert

Gräfrath

„Anno 1663 ist der Kirchhof [Gräfrath] angeordnet und in Gruben abgeteilt je zu jeder Gruben 3 Gräber wie hierin zu sehen und ist die erste Leiche darauf begraben worden Anno 1664 den 6ten Januariy Johann Franß Töchterchen. […] Folgends Anno 1666 ist der Kirchhof recht eingeweihet als daß in demselben Jahr von März an bis in den August bei der dritthalbhundert Leichen, welche an der Pest gestorben, darin begraben worden.“ (Julius Roeßle, Blätter aus der Geschichte der evangelischen Kirchengemeinde Solingen-Gräfrath, 1934, S. 25)

„Ab 1664 verfügte sie [die Gemeinde Gräfrath] über einen eigenen Friedhof, der zwei Jahre später die etwa 150 Pesttoten aufnehmen konnte.“ (Holger Ueberholz, Die Evangelische Kirche in Gräfrath, 2000, S. 7)

„Im Jahre 1663 erwarb sie [die Gemeinde Gräfrath] einen eigenen Friedhof, auf dem drei Jahre später ca. 150 an der Pest verstorbene Gemeindeglieder beigesetzt wurden.“ (Festschrift „400 Jahre Evangelische Kirchengemeinde Gräfrath“, 2009, S. 13)

Sonnborn und Gräfrath

„Um das Leiden der Gemeinden [durch den Religionskrieg] voll zu machen, trat in den 60er Jahren noch die Pest in verheerender Weise auf. 1666 konnte deshalb in Sonnborn kein Konsistorium gehalten werden. Die Gemeinde zu Gräfrath geriet durch diese Seuche in solche Not, daß sie auf der Synode des Jahres 1667 klagen mußte, sie sei ‚in solchen Rückstand und Dürftigkeit gerathen, daß sie wegen der abgestorbenen vornehmsten Glieder kaum für den Unterhalt ihres Predigers werde sorgen können.‘ Kaum war diese Seuche erloschen, so trat im Jahre 1669 die rote Ruhr auf.“ [zur Nieden, S. 61]

Sonnborn und Elberfeld

„1664 wurde […] oberhalb der Kirche auf dem Kirchhofe ein Haus für Aussätzige in der Gemeinde [Sonnborn] gebaut. Auch Elberfeld hatte ein solches Siechenhaus, nicht weit von Sonnborn entfernt gelegen, dessen Kranke sich in Bezug auf Taufe und Abendmahl nach dem näher gelegenen Sonnborn hielten. Daß solche Leidende wieder gesund wurden, kam nur selten vor.“ [zur Nieden, S. 63]

Ratingen

„Häufig genug wurde die Stadt [Ratingen] von der Pest heimgesucht, die Bürgerschaft war zuweilen durch die Seuchen so dezimiert, daß – wie es von 1624 überliefert ist – an eine Verteidigung der Stadt praktisch nicht mehr zu denken war.“ (Richard Baumann, Geschichte der Stadt Ratingen, in: Neuigkeiten aus alter Zeit, Der Kreis Mettmann und die Geschichte seiner 10 Städte, Kreis Mettmann (Hg.), Meinerzhagen 1991, S. 36 Ratingen)

Erkrath und Düsseldorf

„Ob die im Gefolge der Kriegszeiten in mehreren Wellen die Stadt Düsseldorf heimsuchende Pestepedemie auch nach Erkrath übergriff, kann nicht berichtet werden. Der Pest folgte indessen um 1670 die Rote Ruhr, der 10 Prozent der Düsseldorfer Bevölkerung zum Opfer fielen. Die Seuche griff auch auf die Außenbezirke über. So heißt es, daß die Honschaft Unterbach und zwei andere ’schier gantz ausgestorben‘ gewesen seien.“ (Hans Wagener, Geschichte der Stadt Erkrath, in: Neuigkeiten aus alter Zeit, Der Kreis Mettmann und die Geschichte seiner 10 Städte, Kreis Mettmann (Hg.), Meinerzhagen 1991, S. 20 Erkrath)

Neviges

„98 Pesttote sind vom Dezember 1635 bis zum Juni 1637 [im Kirchenbuch] verzeichnet. (Dr. Ingomar Haske, Artikel „Die Pest in Neviges“ im dortigen Gemeindebrief.)

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