Kürzlich ist auf einem Feld in Gruiten eine Kanonenkugel (Kleingeschützkugel, kleiner als ein Tennisball, aber 334 g schwer, Titelabbildung und Abb. unten) gefunden worden, die dem 17. Jahrhundert zugerechnet wird. Dadurch wurde die Frage aufgeworfen, welchem Kriegsereignis dieser Fund entstammen könnte.

Dafür kommt in erster Linie der Dreißigjährige Krieg (1618-48) infrage, der ja kaum einen Landstrich in Deutschland verschont hat, allenfalls noch der Spanische Erbfolgekrieg (1701-14), in dem noch Munition verschossen worden sein könnte, die schon im 17. Jahrhundert hergestellt worden war. Ein früheres Kriegsereignis, bei dem am Himmelfahrtstag 1570 in einem Gefecht zwischen niederländischen und spanischen Truppen das benachbarte Düssel in Brand geschossen und fast ganz zerstört wurde1, scheint nach der Datierung der Kugel auf das 17. Jahrhundert auszuscheiden.

Wie nah Gruiten dem Dreißigjährigen Krieg war, ergibt sich daraus, dass Mettmann, Gerresheim und andere Orte geplündert wurden und die Hessen und Schweden 1633 Elberfeld eroberten. […] Es müßte schon ein Wunder gewesen sein, wenn herumstrolchende Soldaten mit den Troßknechten […] nicht auch unser Dorf gefunden hätten.2 In der Geschichte Ratingens finden sich noch ausführlichere Informationen: 1632 zog Pappenheim heran […]. „Großes Verderben“ in der Honschaft Schwarzbach. Dann rückten die Schweden unter Baudissin heran: Anfang Dezember waren den Bergischen Untertanen schon über 1500 Pferde und 6000 Stück Vieh abgenommen, Mobilien geplündert und zerschlagen, Männer und Weiber bis aufs Hemd ausgezogen und aus ihren Häusern gejagt, ranzioniert und ermordet worden“. […] 1634 seufzte das Land unter dem Druck kaiserlicher Soldaten, 1635 wieder unter den Schweden. […] Von Burg an der Wupper rückten im Januar 1636 Kaiserliche nach Ratingen ein […], am Ende des Jahres abermals 30 Regimenter. Ihnen folgten die Hessen, Ende 1637 die Kaiserlichen […], ähnlich in den beiden folgenden Jahren. Bis 1645 wechselte die Besetzung des Landes zwischen Kaiserlichen und Hessen.3

Auch durch den spanischen Erbfolgekrieg, in dem sich der deutsche Kaiser und der französische König um das spanische Erbe stritten, wurde das Bergische Land sehr in Mitleidenschaft gezogen. […] Gegen Kaiserswerth zogen die dem Kaiser verbündeten preußischen und holländischen Truppen, aus dem Märkischen kommend, über die Straße Elberfeld, Mettmann, Ratingen heran und bezogen in der Nachbarschaft Quartier. […] Im Protokollbuch der reformierten Gemeinde [Gruiten] heißt es am 9.5.1702, daß man wegen der bestehenden Kriegsgefahr und des Durchzugs holländischer Truppen in den vergangenen Monaten keine Sitzungen des Konsistoriums habe abhalten können.4a Und später wird von einem französischen Einfall in das Bergische Land von Bonn aus berichtet, welcher einen großen Schrecken ins Land gebracht habe. Es wären ein großer Raub geschehen und viele Gefangene mitgeschleppt worden. […] Der französische Marschall Talland rühmt in einem Briefe über diesen Plünderungszug: „Wir setzten das ganze Land, 20 Meilen weit, in so große Furcht, daß nicht ein einziger Bauer weit herum zu finden war, daß wir das ganze Berger Land total ausplünderten“.4b

Lothar Weller, Stand 12.11.2022 – Alle Fotos: Harald Spiegel, der die Kanonenkugel gefunden hat.


1 Fritz Breidbach, Gruiten …, Gruiten 1970, S. 83 mit Bezug auf Bergische Heimat, Jahrgang 1932.

2 Wie Anm. 1, S. 82 f., z.T. mit Bezug auf Rosenkranz (Anm. 3).

3 Abgedruckt in: Albert Rosenkranz, Die reformierten Bergischen Synoden während des jülich-klevischen Erbfolgestreites, I. Band, Die Zeit des Krieges 1611-1648, Düsseldorf 1963, S. 230.

4 a) Archiv der ref. Kirchengemeinde Gruiten, Protokollbuch 1674-1709 (CP 1), a+b) Wie Anm. 1.