Ein genau 300 Jahre altes Dokument aus dem Jahr 1722 lässt erkennen, dass es schon damals das Sommer-/Winterzeit-„Problem“ gab, es aber ohne Uhrenumstellung gelöst wurde. (In Gruiten gab es ja auch nur eine öffentliche – ohne Zifferblatt! Mehr zu den öffentlichen Uhren in Gruiten: hier, LINK.) Gut ein Jahr nach Fertigstellung der reformierten Kirche im Dorf waren nämlich zwei Glocken in das von Anfang an vorhandene, aber zunächst leergebliebene Glockentürmchen gehängt worden, sodass sich die Gemeinde nun damit beschäftigen musste, wann diese denn geläutet werden sollten: Übers Jahr immer zur selben Zeit oder im Sommer früher als im Winter?

Und siehe da, darüber gab es keine lange Diskussion, sondern wie selbstverständlich eine einfache und klare Regelung: Im Sommer wurde um 7 und um 8 Uhr geläutet, im Winter aber erst um 8 und um 9 Uhr. Damit war dem im Laufe des Jahres sich verschiebenden Sonnenaufgang offenbar Genüge getan. Und es entsprach wohl langer Tradition, den Tag im Sommer früher zu beginnen als im Winter, sodass für das Läuten am Morgen lediglich das Maß der Zeitverschiebung im Jahreslauf festgelegt werden musste.

Die Kenntnis darüber verdanken wir der Anweisung für den Küster, der nach der Anschaffung der Glocken für das Läuten zuständig war.

Auszug aus der Läuteanweisung für den Küster: 1. daß der schuldiener [Lehrer und Küster] … an allen predigttagen der Gemeine ein Zeichen der Versamelung soll geben, des sommers umb 7 uhr ungefehr, mit der großen, und umb 8 uhr mit beiden glocken; des Winters aber umb 8 und 9 uhr morgens; des nachmittags aber mit einer umb 1 uhr, und mit beyden umb 2 uhr.1 Repro aus dem Archiv der reformierten Kirchengemeinde Gruiten: von mir.

Trotz der so präzise klingenden Anweisung bleibt darin aber völlig offen, wann im Jahr die Vor- bzw. Rückverlegung des Läutens um eine Stunde erfolgen soll. Das scheint so selbstverständlich gewesen zu sein, dass es dazu keinerlei Anweisung geben musste. Und noch etwas ist auffällig: Mittags bzw. nachmittags wurde im Sommer und im Winter zur selben Zeit geläutet, nämlich ohne Unterschied um 1 Uhr und um 2 Uhr. Für eine Verschiebung dieser Zeiten um eine Stunde scheint es trotz des zeitlichen Unterschieds von Sonnenauf- und -untergang im Laufe des Jahres keine Notwendigkeit gegeben zu haben.

Eine ähnliche Regelung findet sich auch hundert Jahre später noch in Unterlagen über den Schulbetrieb. Eine Abfrage der Schulzeiten wurde 1826 für Gruiten so beantwortet: Wie bisher von 9 – 12 resp. 8 – 11 Uhr und Nachmittags von 1 – 4 Uhr.2 Auch hier wurden also nur die Vormittagszeiten um eine Stunde verschoben, die Nachmittagszeiten blieben unverändert. Und wie schon bei der Küsteranweisung von 1722 sind auch hier die Umstellungszeitpunkte im Jahr nicht genannt, weil offenbar so selbstverständlich, dass keiner Erwähnung wert.

Lothar Weller, 5.11.2022


1 Archiv der Ev.-Ref. Kirchengemeinde Gruiten, Protokollbuch des Consistoriums, Sitzung vom 21.12.1722, Pkt. 4.

2 Archiv St. Nikolaus Gruiten, Tagebuch der kath. Schule zu Gruiten, Abschrift zur Verfg. 13. Dezember 1826 No 9692.

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