Über 150 Jahre nach seinem Tod (1840) erschien 1995 ein Buch mit einem langen Beitrag über den Gruitener Lehrer und Küster Lambert Peuling, der mit folgendem Satz endet: „Daß die Gruitener Schule [kath.] die schwierige Zeit einigermaßen überstand und somit trotz aller Gefährdungen überlebte, ist zwar nicht nur das Verdienst Peulings, sondern vor allem das der damaligen Pfarrer, aber es läßt sich auch nicht bestreiten, daß der Lehrer an diesem Ergebnis nicht unmaßgeblich beteiligt war und damit auf jeden Fall verdient hat, daß man sich an ihn erinnert.“1

Lambert Peuling stammte nach seinen eigenen Angaben (1801 und 1804) aus Rellinghausen bei Essen.2 Was ihn nach Gruiten „verschlagen“ hat und als was er vorher tätig war, ist nicht bekannt. Jedenfalls heiratete er hier kurz vor 1803 in eine Familie ein, die schon seit rund 100 Jahren den Küster und Schulmeister stellte.3 Wie alt er damals war, ist ebenfalls nicht genau bekannt. 1801 nannte er 26 Jahre als sein Alter2, 1804 aber 32 Jahre.4

Eintrag über die Taufe des ersten Kindes von Lambert Peuling und Maria Catharina Binsfeld im Gruitener Kirchenbuch. Die Heirat der Eltern ist in Gruitens kath. Kirchenbuch nicht verzeichnet, aber im Taufeintrag oben wird das Kind als „filius legitimus“, also als ehelicher Sohn bezeichnet, sodass die Heirat wohl um 1801/02 stattgefunden haben wird. Repro aus Archiv St. Nikolaus: von mir.

Für die „schwierige Zeit“, als die seine Amtszeit in Gruiten oben bezeichnet wurde, gibt es mehrere Gründe:

Peuling übernahm 1802 die Schule, nachdem sie zuvor 10 Jahre lang geruht hatte.5 Er stand also vor einem Neuanfang, war aber als Lehrer ohne jede praktische Erfahrung. Anders als damals üblich, war er zuvor nicht bei einem erfahrenen Lehrer als Hilfslehrer „in die Lehre gegangen“, sondern hatte nur drei Monate lang an einem Ausbildungskurs eines bekannten Pädagogen in Münster teilgenommen.5 Seine Prüfungen in Düsseldorf, die zu dieser Zeit als Voraussetzung für die Berufung als Lehrer eingeführt worden waren, bestand er eigentlich nicht. Das Gutachten über die Prüfung 1801 kam zu dem Ergebnis, „daß hier noch vieles fehle, was man notwendigerweise von einem Schulmeister erwarten müsse“. Trotzdem wurde er nicht für ungeeignet erklärt. „Vor allem müsse man berücksichtigen, daß die katholische Pfarrschule in Gruiten, seine künftige Wirkungsstätte, eine der unbedeutensten im ganzen Lande sei, und der kleinen, armen Gemeinde mit nur 160 Kommunikanten falle es sowieso schwer, einen Lehrer ordentlich zu besolden, was wohl heißen sollte, einen besseren als Peuling werde man unter diesen Umständen kaum bekommen“.5 Seine Berufung war jedoch zunächst nur vorläufig. Eine dauerhafte Anstellung hing davon ab, dass er sich fortbildete. 1804 nahm er deshalb an einem mehrwöchigen Kursus in Düsseldorf teil und legte danach erneut eine Prüfung ab, deren Ergebnis aber kaum besser ausfiel als die erste.5 Der Prüfer, der 1801 schon festgestellt hatte, dass Peuling noch vieles fehle, war unverändert dieser Meinung, „schlug aber trotzdem vor, ihn vorläufig im Amt zu belassen, und zwar mit der zusätzlichen Begründung, in Gruiten sei sowieso kein vorzüglicher Lehrer nötig“.5 (Aus der vorläufigen Berufung wurde schließlich eine Amtszeit von über 30 Jahren!)

Das Haus, in dem Peuling mit seiner Familie und dem Schwiegervater wohnte, war in einem desolaten Zustand; der Schulraum darin ebenfalls. Ein erster Anlauf zur Verbesserung des Zustands des Schulraums wurde 1802 unternommen. Die Gemeinde spendete gut 8 Reichstaler, der Pfarrer stiftete „erforderliche Eicken Pöste und übrige für die Wände erforderliche stickhöltzer“ sowie ein Gemeindeglied „zwey große bretter zu einem Schultisch“.6 Aber schon 1804 ist in einer Eingabe an die Kurfürstliche Schulcomißion zu lesen: „Der elende Zustand worinnen sich das hiesige Schul- und Küstershauß befindet ist schon aus denen vom Schuhllehrer Peuling überreichten Bittschriften […] hinlänglich bekannt, wir Pastor und Kirchmeister müssen noch beynebens bemerken, daß das Hauß bey dem neulichen am 28ten xbris [Dezember] des letzt verflossenen jahres erfolgten Sturm wind ausserordentlich gelitten habe, und desfals, wenn nicht bald geholfen wird, der gänzliche Ruin zu fürchten seye.“7 Schnelle Hilfe blieb offenbar aus, denn fast zwei Jahre später (1806) schrieb der Kirchenvorstand: „Daß Hauß wird immerhin mehr Baufällig und wenn nicht bald geholfen wird, so ist der Einsturz desselben baldigst zu befürchten.“8 Aber alle Flickschusterei an dem alten Gebäude konnte den Zustand nicht dauerhaft verbessern. Ende 1826 enthält das Schultagebuch für die Schulstube folgenden Vermerk: „[…] die Beschaffenheit ist in einem mittelmäßigen Zustande. Die Utensilien sind größten Theils schlecht.“ Und zur Lehrerwohnung heißt es darin: „Die Beschaffenheit […] ist besonders im Dache, der Treppe, der Haußthüre und im Boden zweier Stuben, wie auch einer Stube im ganzen sehr schlecht“.9 Im Grunde blieb der unzureichende bis desolate Zustand während der ganzen Amtszeit Peulings erhalten. 1843, also drei Jahre nach Peulings Tod, waren die Tage des alten Fachwerk-Schulhauses gezählt; es wurde abgerissen und durch einen Ziegelbau ersetzt. (Mehr zur alten Schule an der Kirchhofsmauer: hier! – LINK)

Anzahl der Kinder, die im Jahre 1824 am Schulunterricht bei Lehrer Peuling teilgenommen haben. Auffällig die deutlich niedrigere Teilnahmequote der Mädchen (10-18 von 36 Mädchen zu 15-28 von 30 Jungen). Repro aus Archiv St. Nikolaus: von mir.

Die finanzielle Situation Peulings war ebenfalls desolat. Neben seiner Familie musste ja auch noch etliche Jahre sein Amtsvorgänger und Schwiegervater unterhalten werden. Um überhaupt eine annähernd ausreichende Entlohnung zu erreichen, war das Doppelamt als Lehrer und Küster unabdingbar. Aber auch das reichte nicht, sodass die Schulkommission ihm ab 1804 einen jährlichen Zuschuss von 10 Reichstalern zugestand, der später auf 20 Reichstaler erhöht wurde. Insgesamt betrugen seine Einkünfte wohl nicht mehr als 60-70 Reichstaler pro Jahr5+10, und damit konnte eine vielköpfige Familie wirklich nicht gut leben. Die Einkünfte als Lehrer waren auch abhängig davon, wie viele Kinder in seiner Schule unterrichtet wurden und ob deren Eltern überhaupt in der Lage waren, Schulgeld zu bezahlen, denn die kleine katholische Gemeinde bestand damals überwiegend aus ärmeren Leuten, und die wenigen katholischen Hofpächter oder -besitzer hatten nur kleine Güter inne. Krankheiten in der Familie wurden für Peuling zu Belastungen, die kaum zu ertragen waren. Es ist deshalb nicht unglaubwürdig, wenn Pfarrer Peiffer, der von 1814-24 amtierte, aber bereits vorher in Gruiten als Vikar tätig war, über ihn aufgeschrieben hat: „Dem Trunke ergeben, wurde derselbe [Lambert Peuling] […] bald Gegenstand der Verachtung, und seine Lebensweise für die […] Jugend gefährlich. Es war im Jahre 1816, als Päuling, überzeugt von seiner Unfähigkeit und Unwürdigkeit zum LehrerAmte sowohl die Schullehrer- als [auch die] Küsterstelle freiwillig niederlegte. Durch eine höhere Veranlassung wurde der Päuling nachher gegen den Willen des Kirchenraths und dem vereinigten Willen des besseren Theils der ganzen Gemeinde in seine früheren Aemter wieder eingesetzt […]“.11

1801 hatte der Prüfer in Düsseldorf Peuling noch so charakterisiert: Er habe viel Liebe für sein Fach geäußert, sein „äußerer Anstand“ mache einen guten Eindruck, und für ihn spreche auch, daß Sanftmut sein vorzüglicher Charakterzug zu sein scheine.5 Auch die beiden Vorgänger von Pfarrer Peiffer hatten Peuling den staatlichen Stellen gegenüber wohlwollend beurteilt.

Peiffers Einstellung zu Peuling mag dadurch „gefärbt“ sein, dass in seine Amtszeit auch noch ein Streit mit Peuling um das Küstersfeldchen fiel, welches dem Küster zu besonders günstigen Konditionen verpachtet worden war, damit er einen Teil seines Lebensunterhalts aus der Weiterverpachtung zu einem höheren Pachtzins bestreiten konnte. Ausgerechnet dieses westlich der Kirchhofsmauer um die alte Nikolauskirche gelegene Küstersfeldchen wäre ihm nämlich entzogen worden, als in der Napoleonischen Zeit im Bergischen (1806-1813) der Friedhof innerhalb der Mauer auf obrigkeitliche Anordnung stillgelegt werden sollte und ein neuer Friedhof auf dem Küstersfeldchen geplant war. Obwohl es dazu nicht gekommen ist (mehr dazu hier – LINK), nahm der Streit eine Dimension an, bei der es schließlich um Grundsätzliches ging, nämlich darum, ob das Grundstück überhaupt in der Verfügungsgewalt der Kirchengemeinde liege, wenn es doch zum Amt des Küsters gehöre. Letztlich ist der Streit erst durch den Tod Peulings 1840 erledigt gewesen.

Zusammenfassend kann man wohl ziemlich sicher schließen, dass die katholische Gemeinde bei diesen Verhältnissen über Jahrzehnte nicht in der Lage war, einen versierteren Lehrer für Gruiten zu gewinnen, und umgekehrt Peuling alle Unbilden über Jahrzehnte ertragen hat, weil er eine bessere Lehrerstelle nicht finden konnte, was ja in der Nachbarschaft auch deshalb schwierig war, weil es durch die Reformation im Niederbergischen damals nur noch wenige katholische Gemeinden gab (z.B. in Haan und Schöller nicht). Die Leidtragenden waren vor allem die Kinder, deren katholische Eltern sie in Peulings Schule und nicht etwa in die Schule der reformierten Gemeinde, die einen besseren Ruf hatte, schickten12 – entweder, weil die Eltern aus religiösen Gründen an der kath. Schule festhielten oder „ihrem“ Lehrer Peuling durch den Abzug ihrer Kinder von dieser Schule das Leben nicht noch schwerer machen wollten oder sich eine andere Schule wegen des Schulgelds nicht leisten konnten.

Lothar Weller, Stand 16.11.2022

Nachbemerkung: Dr. Ernst Huckenbeck (Autor des Aufsatzes über Peuling, s. Anm. 1) habe ich in seinen letzten Lebensjahren noch kennen und schätzen gelernt. Von ihm habe ich auch das gesamte Material, das er im Hauptstaatsarchiv über Peuling gefunden und für seinen Aufsatz verwendet hat, erhalten. Damals ahnte ich noch nicht, welche Fülle an Dokumenten über Peuling in den Gruitener Archiven (besonders im Archiv St. Nikolaus) vorhanden ist, aus der ich nun in meinem Beitrag oben einiges verwendet habe, das Dr. Huckenbeck nicht zur Verfügung stand. Vor allem lassen diese Dokumente erkennen, dass die Prüfungsbeurteilung Peulings von 1801, in der erhebliche Mängel vor allem auch in der Ausdrucksfähigkeit festgestellt wurden, von Rechtschreibung und Grammatik ganz zu schweigen5, für seine spätere Zeit als Lehrer nicht mehr gelten können. Im Gegenteil: Er hatte nicht nur eine vorzügliche Schrift (siehe Beispiel oben, Aufstellung über die Schulteilnahme 1824), auch Rechtschreibung und Grammatik waren mindestens so gut wie die der Pfarrer seiner Zeit!


1 Ernst Huckenbeck, Der Lehrer Lambert Peuling und die katholische Pfarrschule Gruiten zu Beginn des 19. Jahrhunderts, in: Hilden und Haan in der Franzosenzeit (1806-1813), Band 61 der Niederbergischen Beiträge, Hilden 1995, S. 122 bis 136.

2 Hauptstaatsarchiv Düsseldorf (heute Landesarchiv NRW), Großherzogtum Berg 6522, Prüfungsbögen vom 2.11.1801 und 5.11.1804.

3 Bis zu seinem Tod war es Johannes Vohwinkel, dessen Witwe heiratete kurze Zeit später (1719) Martin Binsfeld (1719 bis 1746 im Amt), deren Sohn Johannes Jacobus war sein Nachfolger (1746 bis 1802 im Amt), dessen Tochter heiratete Lambert Peuling (ab 1802 mit einer kurzen Unterbrechung bis etwa 1835/36 im Amt). Die Heirat Peulings mit der Tochter Binsfelds ist in Gruitens kath. Kirchenbuch nicht verzeichnet, aber 1803 wurde ihr erstes Kind geboren, das im Gruitener Taufeintrag als „filius legitimus“, also als ehelicher Sohn bezeichnet wird, sodass die Heirat wohl um 1801/02 stattgefunden haben wird.

4 Wie Anm. 2, Prüfungsbogen vom 5.11.1804.

5 Wie Anm. 1, S. 124 ff.

6 Archiv St. Nikolaus Gruiten, Urkunden […] kath. Kirchen Gde. Gruiten ./. Gde. Gruiten, das Eigenthum des Küster- resp. Schulhauses betreffend. No. 9526 G.R. I Kr., Protokoll vom 24.10.1802.

7 Wie Anm. 6, Urkunden […] kath. Kirchen Gde. Gruiten ./. Gde. Gruiten, das Eigenthum des Küster- resp. Schulhauses betreffend. No. 9526 G.R. I Kr., Schreiben vom 25.4.1804.

8 Wie Anm. 6, Urkunden […] kath. Kirchen Gde. Gruiten ./. Gde. Gruiten, das Eigenthum des Küster- resp. Schulhauses betreffend. No. 9526 G.R. I Kr., Schreiben vom 17.3.1806

9 Wie Anm. 6, Tagebuch kath. Schule Gruiten, S. 14.

10 Wie Anm. 6, Urkunden […] kath. Kirchen Gde. Gruiten ./. Gde. Gruiten, das Eigenthum des Küster- resp. Schulhauses betreffend. No. 9526 G.R. I Kr., Schreiben des Kirchen- und Schulvorstandes zu Gruiten an den Landräthlichen Kreis Commißar vom 30.4.1817: „[…] hier das Jahr Gehalt als Küster gering [ist], und nebst freier wohnung und Garten in 6 Mldr [Malter] Opfer Gersten und einigen wenigen Leichenbroden besteht, und [er] als Lehrer nur auf das Normal Gehalt und monatliches Schulgeld Anspruch machen kann.“

11 Wie Anm. 6, Lagerbuch 19, S. 8

12 Wie Anm. 9, S. 83: Dass katholische Kinder die evangelische Schule Gruitens besuchten, ist z.B. für 1835 belegt; 11 kath. Kinder aus 7 Familien sind namentlich genannt.

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