Ein früher Nachweis für das Kalkbrennen in Gruiten stammt aus dem Jahre 1633.1 Auf einer inzwischen fast 400 Jahre alten Karte (Abb. unten) sind im Bereich Bracken-Lindenbeck-Ehlenbeck gleich drei Kalköfen verzeichnet. Rund 250 Jahre später beginnt hier die Geschichte der industriellen Verarbeitung von Gruitener Kalkstein.

Karte von 1633 (Ausschnitt), Landesarchiv NRW, Reichskammergericht AA 0627, Teil IX, U-Z, 5941 – W 188/471 (Digitalisat AA_0627_05941_Bd02_0633), Repro mit Ergänzungen: von mir.

Um 1840 kam Johann Carl Jacob aus Schlesien wegen des Eisenbahnbaus in unsere Gegend, ließ sich in der Ehlenbeck nieder und kaufte 1857 den Hof Ehlenbeck. In unmittelbarer Nachbarschaft (Lindenbeck) stand ein kleiner Kalkofen. Als die Nachfrage nach Kalk wuchs, verhandelte Jacob mit dessen Besitzer, erwarb 1884 von ihm den Kalkofen mit dem umliegenden Gelände und erbaute dort zwei neue Trichteröfen.2a Anfang der 1890er Jahre firmierte er als „Kalk-Brennerei Ellenbeck b. Haan (Bahnh.)“ (Abb. unten), denn bis 1894 hieß die Gruitener Bahnstation „Haan“.

1892: Kalk-Brennerei Jacob, Repro von mir aus: Gruitener Archive/Kratz. Im Adressbuch für Gewerbetreibende des Kreises Mettmann von 1893 steht: Gebr. Jacob, Bergische Kalkbrennerei, Ellenbeck bei Haan Bahnhof.

Zunächst wurde der Kalkstein mit Pferdefuhrwerken herbeigeschafft und der gebrannte Kalk zur Bahnstation „Haan“ gefahren. Das Geschäft florierte, seine Söhne traten in den Betrieb ein. Mit ihnen baute er am Gellenkothen einen Ringofen mit Bahnanschluss, der am 1.9.1893 (oder 1895?3) genehmigt wurde.2b Von der Lindenbeck legten sie eine Feldbahn an, auf der der Kalkstein nun hochgefahren wurde.2

Aus Johann Carl Jacobs Werk, das sein Söhne weiterführten, entstand nach der Jahrhundertwende – allerdings über mehrere Stationen (s. Abb. unten) und nicht mehr in der Regie der Familie Jacob – die große Sinteranlage Lindenbeck mit dem um 1920 höchsten Schornstein Deutschlands. Ruinen des Werks sind heute noch wenige hundert Meter vom Haus Ehlenbeck 1 und dem Hof Ehlenbeck (Ehlenbeck 2) entfernt zu sehen.

1898: Weiss- und Wasser-Kalkwerke Menzel, Repro von mir aus: Gruitener Archive/Kratz.

1904: Bergische Dolomit- u. Weisskalk-Werke A.-G., Repro von mir aus: Gruitener Archive/Kratz.

1906 übernahmen die Rheinisch-Westfälischen Kalkwerke (RWK) Dornap die Bergische Dolomit- und Weißkalk-Werke AG.3 Hier beginnt die Geschichte der RWK in Gruiten, die mit dem mächtigen Werk „an der Fuhr“ von 1927 an ihrem Höhepunkt zusteuerte, der 1966 ein abruptes Ende fand.

Blick vermutlich in die Sinterei Lindenbeck (oder Fuhr?). Identifizierte Personen: Giuseppe Bertocco, Antonio Mosca. Foto (undatiert): Gruitener Archive/Bertocco.

Blick in einen Steinbruch mit Arbeitern und Honoratioren, darunter die Brüder Menzel und Hugo Jacob. Foto (1900): Gruitener Archive.

Blick auf das Werk Lindenbeck. Im Hintergrund links das Werk an der Fuhr, rechts der Doppelringofen Hansenheide. Foto (vor 1932): Gruitener Archive.

Lothar Weller, 28.11.2020, ergänzt um Anm. 3c am 21.10.2021 – Titelfoto (Hof Ehlenbeck, 2012): von mir. Für den Fall, dass die Zuordnung des Titelfotos schwerfällt, füge ich zwei weitere Fotos an:

Links: Hof Ehlenbeck (Ehlenbeck 2), rechts: Haus Ehlenbeck 1. Foto (2011): von mir.

Haupthaus des Hofes Ehlenbeck. Foto (2003): von mir.

1 Der Kalkofen in der Lindenbeck wird sogar schon 1545 erwähnt. (Breidbach, wie Anm. 2, S. 106, mit Bezug auf Hauptstaatsarchiv Düsseldorf – heute Landesarchiv NRW -, Regierung Düsseldorf, Nr. 18056.) Für eine andere Stelle nennt Dr. G. Gotthardt andere frühe Quellen: Bereits für das Jahr 1579 ist im Gruitener Pfarrarchiv auf Kalksteingewinnung östlich von Gruiten an der „Schlössershütte / Düsseler Mühle“ hingewiesen. [Diese Quelle habe ich bisher nicht gefunden.] In dem Solinger „Rentmeister Hebbuch“ von 1683 war diese Werkstelle wiederum verzeichnet wie auch die Kalkbrennereien Peter Birschel (an der Straße von Gruiten nach Vohwinkel) und von Lutter Hardberg in der Nähe von Gut Thunis im unteren Düsseltal, wo für den „Huppertsbraken“ auch schon 1672 das Kalkbrennen erwähnt ist. […] Den Kalksteinbruch an der Düsseler Mühle besaß um 1683 die Familie Jann. Er ist der Vorläufer des späteren Abbaugebietes der Grube 7 der RWK. (Typoskript vom 28.11.1991 des Vortrags, den Dr. Gotthardt kurze Zeit später in Gruiten gehalten hat; in den Gruitener Archiven vorhanden.)

2 Fritz Breidbach, Gruiten – Die Geschichte eines Dorfes an der Düssel, Gruiten 1970, S. 107, a) mit Bezug auf Grundstücksfortschreibungsverhandlungen des Katasteramtes des Landkreises Düsseldorf-Mettmann; b) mit Bezug auf Hauptstaatsarchiv (heute Landesarchiv NRW), Landratsamt Mettmann, Nr. 270 (siehe dazu auch Kalkspuren – Ein Gruitener Wanderführer, Hg.: Förderverein Haus am Quall e.V., ca. 2007, S. 20.)

3 a) Breidbach, wie Anm. 2, S. 106: „1907“. b) Dr. Gotthardt (s. Anm. 1) nennt einen etwas früheren Zeitpunkt, liefert aber auch weitere Informationen: Dieses Unternehmen [Bergische Dolomit- und Weißkalkwerke AG] fusionierte unter Übertragung ihres Vermögens am 1.10.1906 mit der Rheinisch-Westfälische Kalkwerke Aktiengesellschaft in Dornap. Die „Bergische Dolomit- und Weißkalkwerke AG“ selbst war am 10.12.1900 gegründet worden, wobei es zu einem Zusammenschluß der bestehenden Firmen O. u. E. Menzel und der Gewerkschaft Pluto kam. Die Familie Menzel hatte ihr Gruitener Kalkwerk von der Familie Jakob erworben, die das Werk schon in den 1880er Jahren betrieben hatte. 1895 war der Fa. Menzel bereits ein Anschlußgleis zum Bahnhof Gruiten genehmigt worden. Die Fa. Pluto mit ihrem Gruitener Kalksteinbetrieb war 1898 als Bestandteil der „Gewerkschaft Pluto“ mit einer „Eisenzeche“ in Schwarzenberg in Sachsen gegründet worden. Die „Bergische Dolomit- und Weißkalkwerke AG“ kaufte vor allem im Jahre 1902 weiteres Rohstoffgelände von Heinrich Birschel, wohnhaft auf Gut Groß-Düssel. Die Steinbrüche […] zogen sich entlang des Düsseltales bis kurz vor Winkelsmühle. Der letzte Steinbruch vor Winkelsmühle [Bruch 1] wurde später vor dem 2. Weltkrieg an die Fa. Rheinmetall abgetreten, die dort ballistische Versuche durchführte. Vom Ursprung her bildete dieser Steinbruch die Rohstoffgrundlage für die Kalkbrennanlage in Millrath mit zuletzt einem Ringofen und drei Trichteröfen nebst Kalkmahlanlage. Die Sinteranlage stand in der Ehlenbeck und war bis nach dem ersten Weltkrieg in Betrieb. c) Abb. unten.

Werbung