Am 16. Oktober 1718 waren vier Bevollmächtigte für den geplanten Bau der Kirche ernannt worden, zwei aus dem Konsistorium (Presbyterium) und zwei weitere Hofbesitzer aus der Gemeinde. Sie sollten geeignete Handwerker auswählen, die Verträge mit ihnen aushandeln, den Bau organisieren und die Qualität der Arbeit überwachen. Die Verträge sind im Alt-Archiv der reformierten Gemeinde Gruiten erhalten geblieben und geben Auskunft darüber, wie sich die Gemeinde ihre Kirche vorstellte.

Wie sich die Gemeinde ihre Kirche vorstellte

Aus dem Vertrag mit dem Maurermeister erfahren wir, wie lang, breit und hoch die Kirche, wie stark ihre Mauern sein und wie viele Fenster und Türen sie haben sollte: … inwendig zwischen den Mauren 42 fuß lang, und inwendig breit 32 fuß; uber der erden soll es hoch sein 20 Fuß; die mauer in der erden soll dick sein 3 1/2 Fuß und über der erden 2 1/2 Fuß. Es sollen daran sein zwey thuren an der bach seithen jede 7 Fuß hoch, und 4 Fuß breit, und an jeder seithe in die länge 3 fensteren, und an jeder seithe in die breite 2 fensteren, jedes 7 fuß hoch, und 4 fuß breit. Die Stärke der Mauern über der Erde wurde später auf 3 Fuß erhöht, sodass sich letztlich Außenmaße von 45 x 35 Fuß ergaben. Das entspricht den heutigen Maßen von 14,40 m Länge, 11,20 m Breite und 6,40 m Höhe bis unter das Dach (1 Fuß = 32 cm). Auch Anzahl und Lage der Türen entsprechen den heutigen Gegebenheiten. Soweit ist der Rohbau der Kirche offenbar wie geplant ausgeführt worden. Lediglich bei den Fenstern bemerken wir einen Unterschied: Nur an einer Schmalseite gibt es zwei hohe Fenster, an der anderen Seite (von innen gesehen hinter der Orgel) aber lediglich ein kleines rundes.

Ansichtskarte zur Zweihundertjahrfeier 1921. Nach einer Aufnahme von Reg.-Baumeister Th. Wildemann, Bonn vom 18.4.1921. Alt-Archiv der ref. Gemeinde Gruiten.

Auch auf dem Dach erkennen wir Abweichungen. Nach dem Vertrag mit dem Zimmermann sollten nämlich 6 Dachfensteren daran gemacht werden, 2 an jeder Seithe in die länge, und 1 an jeder Seite in die breite. Heute findet man aber nur zwei kleine Dachgauben auf der Längsseite über den Eingangstüren, so wie sie auch auf einem Foto aus den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts zu sehen sind (Abb. unten). Wenn es ursprünglich mehr gegeben haben sollte, dann sind sie jedenfalls schon lange Zeit nicht mehr vorhanden.

Ausschnitt eines Fotos aus der Zeit von 1890-98. Archiv der ref. Gemeinde Gruiten.

Zum „Türmchen“ (Dachreiter) gab es im Vertrag folgende Vorgaben: Das thurmlein verheist er [der Zimmermann] viereckigt zu machen, die Kuppel aber darauf achteckigt, und soll das thurmlein weit sein 6 fuß, umb 2 glocklein fuglich darin zu hangen. Der Unterbau wurde erkennbar viereckig (quadratisch) gebaut, und die Kuppel ist eine glockenförmige barocke Turmhaube geworden, der man ihre acht „Ecken“ kaum ansieht. Man muss schon um die Kirche herumgehen, um festzustellen, dass sie tatsächlich 8 „Rippen“ hat.

Schmuckbemalung in der Kirche!

Besonders interessant ist eine Passage im Vertrag mit dem Plisterer, der innen die Mauern und das Deckengewölbe zu verputzen und anzustreichen hatte, denn daraus geht hervor, dass das Kircheninnere wohl von Anfang an keineswegs so schmucklos war, wie es nun schon seit rund 50 Jahren ist und weswegen es oft für „typisch reformiert“ gehalten wird: … verheißt er [der Plisterer] nach Verfertigung des gewolbs mit bretteren daßelbe mit guter perlenfarbe vermischt mit leinöl wohl abzustreichen, und selbiges dabey mit gutem laubwerk und Zeichen von sonn mond und sternen zu versehen… Dass der Kirchenraum tatsächlich in dieser Weise ausgeschmückt wurde, kann man kaum bezweifeln, denn in einer etwas späteren Vertragsergänzung wurde noch vereinbart, dass das Gewölbe nicht mit Perlenfarbe hell, sondern mit blauer Farbe dunkeler gestrichen werden sollte, damit darauf Sonne, Mond und Sterne besser zur Geltung kommen.

Schmuckbemalungen und Psalmsprüche an den Wänden sowie eine großflächige Deckenbemalung hat es auch noch im 20. Jahrhundert gegeben. Erst bei der Renovierung des Kirchenraums zum 250-jährigen Jubiläum der Kirche (1971) wurden alle weiß überstrichen.

Oben links: Einer der vier Farbstreifen, die zur Mitte des Deckengewölbes führten (ohne Ornamente!), Ausschnitt einer Aufnahme aus der Zeit, bevor der elektrische Strom in Gruiten Einzug hielt (vor 1905), Archiv der ref. Gemeinde Gruiten/Kratz. Rechts: Zwei der vier Ornamentstreifen im Deckengewölbe und links/rechts der Orgel der oberhalb der Fenster umlaufende Ornamentstreifen. Aufnahme vermutlich um 1930, Archiv der ref. Gemeinde Gruiten.
Bemalung oberhalb der Fenster umlaufend, oben 1921, unten ca. 1940-70, Fotos (Ausschnitte): Archiv der ref. Gemeinde Gruiten.
Wandbemalung (Ausschnitt), Foto: Archiv der ref. Gemeinde Gruiten.
Deckenbemalung, Foto: Archiv der ref. Gemeinde Gruiten.

Lothar Weller, 7.9.2020 – Titelabbildung: Alte Ansichtskarte (ca. 1905-16), Gruitener Archive.

Anmerkung: Dies ist die erweiterte Fassung des dritten Teils einer im Gemeindebrief der reformierten Gemeinde Gruiten-Schöller Nr. 1/2019, 1+2/2020 abgedruckten Artikelserie. Hier der LINK zu den beiden ersten Teilen.

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