Gruiten-Dorf ist 1989 von der Stadt Haan als Denkmalbereich unter Schutz gestellt worden, weil es sich um einen der wenigen noch bestehenden historischen niederbergischen Dorfkerne handelt. Das Alter der darin enthaltenen Baudenkmäler umfasst die Zeitspanne vom 12. bis zum 19. Jahrhundert. Das älteste Baudenkmal, der Turm einer romanischen Kirche, ist zugleich das älteste erhaltene Bauwerk auf Haaner Stadtgebiet. An ihm sind bei Sanierungs­arbeiten im Jahre 2013 Gräber mit gut erhaltenen Skeletten freigelegt worden, die nach wissenschaftlichem Befund aus karolingisch-ottonischer Zeit stammen. 

Das Titelfoto zeigt den Blick auf das Dorf vom Turm der romanischen Kirche (Nikolausturm), dessen Kirchenschiff 1895 abgerissen worden ist. Außer dem Turm sind nur wenige Teile der alten Kirche erhalten geblieben. Den ersten erkennen wir, wenn wir auf den Eingang zur Turmkapelle schauen. Dieser Eingang mit der nagelbeschlagenen Doppel­flügeltür in einer Trachyt-Einfassung ist das Südportal der alten Kirche. Mit diesem Portal wurde die nach dem Abriss des Kirchen­schiffes offene Turmseite geschlossen.

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Turmportal. Die nagelbeschlagene Doppelflügeltür ist nach innen geöffnet, um den Blick in die Turmkapelle freizugeben. Foto (2015): von mir. 

Einen Teil des Bodens der Turmkapelle bedecken zwei große Grabplatten von 1696 und 1715, die ursprünglich über den Gräbern zweier Pastoren im Chor der alten Kirche lagen.

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Grabplatten im Fußboden der Turmkapelle. Foto (2011): von mir.

In der Turmkapelle befindet sich an der Nordwand das gotische Sakramentshaus (Tabernakel), das sich ursprünglich in der alten Kirche befand. Es stammt aus der Zeit um 1500 n.Chr.

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Tabernakel aus der alten Kirche in der Nordwand des Nikolausturms nach der Restaurierung. Foto (2015): von mir.

Erhalten geblieben sind noch ein alter Taufstein, der vermutlich aus dem Jahr 1661 stammt, und eine Kniebank. Das Fenster mit den St. Nikolaus-Symbolen ist ein Werk des Künstlers Felix Droese. Es wurde 2015 zum Abschluss der Sanierung und Restaurierung des Turms eingesetzt. 

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Fenster von Felix Droese (2015) in der Westseite des Turms. Davor die alte Kniebank und der alte Taufstein. Foto (2015): von mir.

An der Stelle des Fensters war ursprünglich die Tür, durch die man in den Turm und weiter ins Kircheninnere gelangte. Diese Tür wurde 1825 entfernt und durch ein Fenster ersetzt, wie sich aus folgender Nachricht aus der Chronik St. Nikolaus ergibt: Diese für uns unvergeßlichen Gaben haben wir verwendet: […] 10, Zur Wegschaffung der Thurmthüre und zur Hinschaffung des Thurmfensters.[1] Offenbar hat man damals nur noch das Südportal des Kirchenschiffs als Zugang zur Kirche benutzt.

Glocken – zwei waren es mal, eine große und ein kleine – hängen im alten Nikolausturm schon lange nicht mehr. Eine dieser Glocken ist aber erhalten geblieben und läutet seit 1879 vom Turm der damals neu gebauten katholischen Kirche. Auch von den Glockeneinschmelzaktionen im Ersten und Zweiten Weltkrieg ist sie dank ihres hohen Alters verschont geblieben. Wenn sie noch ein Jahr schafft, ohne zu zerspringen, wird sie seit 500 Jahren durchgängig „aktiv“ sein. Der Glockengießer von damals muss sein Handwerk wirklich verstanden haben! Gertrud Middell, die Gruitener/Mettmanner Lehrerin und Lokalhistorikerin, hat vor etwa 60 Jahren die Entstehung dieser reich verzierten Glocke nahe der alten Kirche in Gruiten so nachemfunden: Die Maurer bauten mit geschmeidigem Lehm die Form in den Wiesengrund, der Schreiner mußte das Brett aussägen, das den Kern formte. Der Schmelzofen wurde nach den Anweisungen des Meisters gut gebaut, daß die Glockenspeise, das Metall, in kürzester Frist schmolz und wenig Verluste entstanden. Der Faßbinder hatte die Bänder hergestellt, der Schmied das Eisenwerk, das die Form zusammenhalten sollte. Jetzt wurde das Feuer entfacht und das Metall geschmolzen. Die Form stand fertig da […] – das flüssige Metall konnte einlaufen. Atemlos betrachteten die Gruitener das seltene Schauspiel. Sie konnten es gar nicht erwarten, ihre Glocke vom Kirchturm klingen zu hören. Es war auch ein weihevoller Augenblick, als die Form gesprengt wurde und die glatte Glockenhaut mit den Bildern ans Licht kam und die Aufschrift zu lesen war […].[2]

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Links: Nikolausglocke von 1521, Mitte und rechts: zwei der Abb. auf der Glocke. Fotos: Archive Ahrweiler und Breidbach. 

Der umlaufende Glockentext lautet:

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Rekonstruktion des Glockentextes (oben)[3] und Klartext in heutiger Sprache (unten). Repro und Klartext: von mir.

Den Glockentext zu entschlüsseln, ist offenbar schon vor langer Zeit schwergefallen, wie die Abbildung oben zeigt. Besonders bei der Jahreszahl, die ja nicht korrekt in römischen Ziffern geschrieben ist (XV’XXI statt MDXXI) hat es anfangs wohl Schwierigkeiten gegeben. 

Lothar Weller, 10.4.2020


[1] Archiv der Kirchengemeinde St. Nikolaus Gruiten, Chronik I, S. 73.

[2] Gertrud Middell, Zeitungsartikel „Sankt Niklas heiß ich …“, Erscheinungsort und -datum unbekannt, Archiv Breidbach, Bd. 10, S. 173 f.

[3] Archiv St. Nikolaus (wie Anm. 1), eingeklebte Seite.