Elektrischen Strom gab es in Gruiten noch nicht, da soll schon das erste Auto durchs Dorf gefahren sein: 1904.[1] Am Steuer ein Chauffeur, der rechts im Wagen saß, weil zu dieser Zeit das Lenkrad noch auf der rechten Seite der Automobile war.

Neben ihm der Eigentümer des damals großes Aufsehen erregenden Gefährts (heute würde es bei einer Oldtimerschau bestimmt genau so sein!), der Fabrikant Heinrich Edelhoff (Weberei Edelhoff & Schulte). Für das Foto oben saß Edelhoff vorne neben seinem Chauffeur, sonst aber meistens im Fond des Wagens. Einen elektrischen Anlasser gab es – wie man an der Kurbel vorne erkennt – noch nicht, aber eine telefonähnliche Sprechverbindung, mit der sich Edelhoff aus dem Fond des Wagens mit dem Chauffeur verständigen konnte, soll schon vorhanden gewesen sein.[2] Moderner ging es damals wohl kaum. Wie modern Edelhoffs Wagen war, zeigt ein Vergleich mit einem der ersten Automobile des Weißen Hauses von 1909, das auf Wikipedia im Artikel „Geschichte des Automobils“ abgebildet ist (Link zum Foto). Mit ihm soll der US-Präsident William Howard Taft gefahren worden sein. Verblüffende Ähnlichkeit![3] 

Das erste Auto Gruitens war schon vor fast 50 Jahren als „Altertümchen“ von öffentlichem Interesse, sodass darüber in der Zeitung geschrieben wurde: „Töfftöff“ wurde das Gefährt von den meisten Gruitenern genannt, nicht zuletzt, weil es reichlich Krach machte. […] Für manche Gruitener wäre eine Traum in Erfüllung gegangen, hätten sie einmal in einem solchen Wagen sitzen dürfen. Fabrikant Edelhoff ließ oftmals Kinder „herumkutschieren“ – mit dem Chauffeur, versteht sich. Und von diesen „tollen Touren“ weiß heute noch die jetzige Schwägerin des Chauffeurs [Willi Reinemann], Lydia Reinemann zu berichten. Die anderen, die nicht mitfahren konnten, liefen wenigstens auf die Straße und betrachteten „Töfftöff“ von allen Seiten – früh genug gehört hatten sie das Auto ja ob seines unverkennbaren Knatterns. […] Eigentlich glich das Gefährt überhaupt noch einer Kutsche, die eben statt durch Pferde per Motor beweglich gemacht wurde. Diese „Revolution auf der Straße“ wurde in Gruiten recht skeptisch betrachtet. Damals konnte sich eben noch keiner vorstellen, daß man auf Pferde einmal ganz verzichten könne. […] Manche Gruitener haben sich noch nicht ganz an diesen Gedanken gewöhnt. Hinterließen doch schließlich die Pferde so schöne „Roßäpfel“, die ihre besondere Beliebtheit bei den Gärtnern fanden. Die Autos dagegen sorgen zwar für wesentlich schnellere Fortbewegung, doch der „Mief“, den sie hinterlassen, scheint keinem nützlich zu sein.[2] 

Lothar Weller, 14.10.2019 

PS: Erkennt jemand, ob Edelhoffs Auto ein deutsches Fabrikat ist? [Antwort: Kein deutsches Fabrikat, sondern französische Marke „Lorraine-Dietrich“. Siehe Kommentar vom 14.10.2019 unten.]


[1] Eine sichere Quelle für diese Zeitangabe gibt es nicht. In einem Artikel der Rheinischen Post vom 28.7.1972 (s. Anm. 2) wurde die Jahreszahl 1904 direkt unter der Hauptüberschrift Die tollen Touren mit „Töfftöff“ genannt, aber gleich im ersten Satz des folgenden Textes steht „anno 1914“ und unter der Abbildung des Fotos (Ausschnitt des Titelfotos dieses Beitrags) heißt es dann „anno 1907“. In der Westdeutschen Zeitung vom 20.8.1983 erschien dann unter der Überschrift Das war Gruitens erstes Automobil die Abbildung des kompletten Fotos mit einer längeren Bildunterschrift. Darin wird mit Bezug auf einen von Ernst Breidbach gehaltenen Vortrag über Alt-Gruiten wieder „1904“ als das Jahr genannt, in dem das Edelhoffsche Auto in Gruiten fuhr. Einen Hinweis darauf, dass „1904“ zu früh sein wird, liefert das polizeiliche Kennzeichen, das auf dem Foto gut zu erkennen ist. „IZ“ ist das Kennzeichen für den Wohnsitz des Fahrzeughalters in der „Rheinprovinz“ (zu der Gruiten gehörte), aber diese Kennzeichen wurden wohl erst im Jahre 1906 eingeführt! So die Information im Wikipedia-Artikel Liste der deutschen Kfz-Kennzeichen (historisch).

[2] Karl Julius, RP-Artikel vom 28.7.1972 (s. Anm. 1). [Der Artikel ist nur mit „ju“ gezeichnet.] 

[3] Diese Ähnlichkeit lässt zumindest vermuten, dass das Edelhoffsche Automobil aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg stammt. Ob Heinrich Edelhoff aber früher damit gefahren worden ist als der US-Präsident mit seinem, bleibt offen.