Neugruitener und Ortsfremde, die durch Gruiten-Dorf gehen oder fahren, sind leicht geneigt, das dort vorhandene (besonders bei Nutzern von Rollatoren, Rollstühlen, Kinderwagen, Fahrrädern usw. unbeliebte) Kopfsteinpflaster für historisch alt zu halten. Aber weit gefehlt: Es ist ganz und gar nicht historisch, sondern sehr jung!

Viel jünger als das Titelfoto, das aus der Zeit stammt, bevor hier der Trolleybus fuhr (1930-52) und nicht einmal eine durch irgendwelche Steine befestigte Fahrbahn zeigt. Selbst in der Trolleybuszeit sah die Straße nicht viel anders aus (Abb. unten), nur Randsteine und Bürgersteige gab es nun (seit der Kopfsteinpflasterung aber nicht mehr).

1954max.,Past.VömelStr.West-Ost,AA17#30%
Ansichtskarte, Foto wahrscheinlich aus den späten 1940er oder frühen 1950er Jahren (die Trolleybus-Oberleitung ist noch vorhanden). Gruitener Archive (Archiv Ahrweiler #AA17, Sammlung Kadatz #630. Vermutlich Sepp-Unger-Foto/Kreisarchiv ME.)
1930er min.,Wiedenhof bis AT
Das Foto dieser Ansichtskarte ist vermutlich Mitte der 1950er Jahre entstanden, denn die Trolleybus-Oberleitung scheint abgebaut zu sein, nur Tragebügel sind davon im Hintergrund noch zu sehen. Gruitener Archive, vermutlich Sepp-Unger-Foto/Kreisarchiv ME.

1957 wurde die Straße erneuert. Wahrscheinlich hat sie damals (erstmals?) eine Asphaltdecke bekommen, denn auf dem übernächsten Foto sind deutlich Fahrbahnmarkierungen zu erkennen.

1957 Ritzenhöfer imSauershs,Str.-Erneuerung,50%
1957, Gruitener Archive, vermutlich Sepp-Unger-Foto/Kreisarchiv ME. 
1950ff Bus in Kurve am Sauershaus#50%
Kurve vor der kath. Kirche nach der Trolleybuszeit (wahrscheinlich späte 1950er Jahre) mit Fahrbahnmarkierungen. Gruitener Archive: Vermutlich Sepp-Unger-Foto/Kreisarchiv ME. 

Über diese Straße rollte bis 1989 der gesamte Durchgangsverkehr, denn eine Umgehungsstraße gab es bis dahin nicht. (Siehe dazu auch den Pressetext in Anm. 6.) 1966 berichtete die RP zwar, dass die Verwaltung den Gemeinderat über die Bauplanung überörtlicher Straßen durch das Landesstraßenbauamt unterrichtet und dabei die schon lange im Gespräch befindliche Möglichkeit der Dorfumgehung im Vordergrund gestanden habe, aber von da an sollten noch mehr als 20 weitere Jahre vergehen, bis das Projekt wirklich in Angriff genommen wurde. Ein Vorschlag von 1966 betraf „eine Dorfumführung, die in der Nähe vom Potherbruch beginnen und auf der Vohwinkeler Straße enden sollte“. Der Plan sei gut, könne aber „aus Kostengründen kaum ernsthaft ins Gespräch gezogen werden“, hieß es damals. Ein anderer Plan sah die Verbreiterung der Dorfstraße vor, wodurch „ein gut Teil der im Dorf stehenden Häuser“ hätte „abgerissen werden“ müssen. Der Plan wurde nicht ernsthaft erwogen, „weil damit der Charakter des Dorfes völlig verschwinden würde“. Der dritte Plan sah ein kurze Dorfumgehung vor: „Abbiegung von der Mettmanner Straße unterhalb des Bauernhofes Forsthoff, Weiterführung entlang dem Hintergelände des katholischen Friedhofes, Vorbeiführung hinter der Scheune des Anwesens Wilhelm Engemann in Richtung katholisches Pfarrhaus und dann Einmündung in die neue Straße zum Osterholz im Scheitelpunkt der Einmündung in die Vohwinkeler Straße.“[1] Später wurden auch noch westliche Umgehungen des Dorfes unter Nutzung der Sinterstraße bzw. des Tunnels, der bis 1966 dem Kalksteintransport zum Werk „Fuhr“ gedient hatte, diskutiert.[2] 

Gebaut wurde schließlich die im Norden des Dorfes vorbeiführende Trasse. Am 22.8.1989 wurde der erste Teil der Ortsumgehung von der Mettmanner Straße bis zur Osterholzer Straße offiziell eröffnet.[3] Bis auch das nächste Teilstück bis zur Parkstraße fertig war, verging aber noch über ein Jahr.[4] Und weitere zwei Jahre später (1992) begann dann die Erneuerung der ganzen Pastor-Vömel-Straße und des unteren Teils der Prälat-Marschall-Straße mit Kopfsteinpflaster. 1994 wurde dieses Projekt eines  „Wohnumfeldprogramms“  abgeschlossen.  Als zuvor, nämlich 1985, die Nebenstraßen „Am Weinberg“ und „An der Düssel“ durch Kopfsteinpflasterung erneuert wurden, hieß es dazu in der Zeitung: „Hier entsteht eine ‚historische‘ Straße, die es zu keiner Zeit vorher gegeben hat und die von einem Anlieger als ‚romantisch-nostalgisch‘ bezeichnet worden ist.“[5] Erstaunlicherweise findet sich diese Kritik in den mir bekannten Veröffentlichungen über die viel ausgedehntere Kopfsteinpflasterung 1992-94 nicht wieder. 

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Panoramablick „Kopfsteinpflaster in Gruiten-Dorf“. Links „Haus am „Quall“, Mitte „Predigthaus“, rechts Häuser „Neue Brücke/Alte Brücke“. Foto: (2016) von mir.

Der Vollständigkeit wegen sei aber noch angemerkt, dass es tatsächlich in den 1950er Jahren ein geschätzt 10-12 m kurzes Stück Kopfsteinpflaster am Dorfeingang Ost gegeben hat.[6] Und durch das folgende Foto aus etwa gleicher Zeit ist ein schmaler Kopfstein-Streifen auf der Straße „An der Düssel“ bekannt, der wohl als Wasserablaufrinne diente. 

Bagger fürGrube7 'An derDüssel',v.Pet.Meyer#20%
Links im Bild die Rinne aus Kopfsteinen (unter den Tieflader mit dem Bagger führend). Der gepflasterte Rinnsteinbogen am rechten Bildrand könnte auch aus Kopfsteinen bestehen. Foto: Gruitener Archive/Meyer.

Lothar Weller, 24.9.2019 – Titelfoto: Alte Ansichtskarte, Gruitener Archive. 

PS: Wer hat noch Fotos aus 1992-94, als die Pastor-Vömel-Str. gepflastert wurde? War diese Straße auch schon vor 1957 asphaltiert?


[1] Rheinische Post, 24.6.1966, Artikel „Geplante Dorfumgehungsstraße trifft Pfarre Sankt Nikolaus“. Die katholische Kirchengemeinde befürchtete „erhebliche Nachteile“ durch den dritten Plan, denn sie sei „dringend auf das Hintergelände [des Friedhofs] angewiesen, weil nur hier eine Friedhofserweiterung erfolgen kann“. Außerdem würden „nicht nur die beim Pfarrhaus liegenden Grundstücke durchschnitten und für geplante Bebauungen ausfallen, sondern die neue Straße würde nur fünf Meter am Pfarrhaus vorbeiführen“. 

[2] z.B.: Rheinische Post, 27.9.1979, Artikel „Interessenversammlung zur K20n. Trassenführung – Alternativen aufgezeigt“ und „Niederschrift über die Bürgerbeteiligung Planung der Kreisstr. 20n – Ortsumgehung Gruiten-Dorf am 17. März 1980,[…]“ (Punkt 7), Rheinische Post, vermutl. vom 18.3.1980, Artikel „Ortsumgehung ja – wohin die Trasse?“, Haaner Treff, 26.3.1980, Artikel „K 20 n: Ungeliebtes Kind“ und 27.8.1980, Artikel „Über Ostumgehung nachdenken“.

[3] Rheinische Post, 23.8.1989, Artikel „Bagger räumte den letzten Felsbrocken von der Straße“ und Westdeutsche Zeitung, 23.8.1989, Artikel „Über fünf Millionen Mark für Ruhe und Denkmalschutz“. 

[4] Westdeutsche Zeitung, 5.10.1990, Artikel „Ortsumgehung soll heute fertig werden“.

[5] Westdeutsche Zeitung, 9.2.1985, Foto mit der Bildüberschrift „‚Steine des Anstoßes‘ verschwinden im Pflaster“.

[6] Zu sehen auf einem Foto von Rolf Mock, Wuppertal-Elberfeld, das im Stadtarchiv Haan vorhanden ist. Es wurde nach einer Datumsangabe auf der Rückseite des Fotos entweder am 12.6.1954 aufgenommen oder für Pressezwecke verwendet, denn ein aufgeklebter Zeitungsausschnitt enthält folgenden Text: „Der stark anwachsende Durchgangsverkehr lenkt die Aufmerksamkeit auf den Engpaß in Gruiten-Dorf, der sich mehr und mehr als ein Gefahrenpunkt und Verkehrshindernis erweist. Die Fahrbahn ist derart schmal, daß zwei Lastwagen nicht aneinander vorbeikönnen. Besonders hemmend und gefahrvoll wirkt sich dieser Zustand für den Autobusverkehr aus. Da die Arbeiten zur Beseitigung des Engpasses im Neandertal in aller Kürze aufgenommen werden, wäre es zu begrüßen, wenn auch in Gruiten-Dorf reine Bahn geschaffen würde, zumal die Straße gewinkelt ist und einzelne Häuser weit vorspringen.“ 

 

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