Das Titelfoto oben zeigt Gruiten-Dorf so, wie es selbst die ältesten Gruitener nicht mehr mit eigenen Augen gesehen haben können. 

Wer durch das historische Dorf Gruiten geht, wundert sich, dass in einem Ort, der bis vor gut hundert Jahren gerade einmal Tausend Einwohner hatte, auf engstem Raum zwei mächtige Kirchtürme stehen und dazu auf halbem Weg zwischen beiden noch eine Kirche. Schaut man allerdings auf die über tausendjährige Geschichte Gruitens zurück, dann stellt man fest, dass es im weitaus größten Teil dieser langen Zeitspanne nur einen Kirchturm in Gruiten gegeben hat, nämlich den, dessen Ursprung im 12. Jahrhundert liegt und der seit 1895 allein steht, weil das dazu gehörende Kirchschiff wegen Baufälligkeit abgetragen worden war. Erst von 1721 an gab es zwei Kirchen und ab 1879 für rund 15 Jahre tatsächlich drei. Dass es aus dieser kurzen Zeit ein Foto gibt, auf dem wir das Dorf mit allen drei Kirchen sehen, ist ein Glücksfall.

Ein vergrößerter Ausschnitt zeigt (Abb. unten), dass das Foto tatsächlich aus dieser Zeit stammen muss und damit das älteste bekannte Foto mit einer Gesamtansicht von Süden auf Gruiten-Dorf ist: Das Kirchenschiff der alten Kirche ist zwar vom Geäst der Ulme am Doktorshaus etwas verdeckt, aber trotzdem zu erkennen.

1894max.,AB-Bild a03 (Bd.50,S.46) Ausschn.aKirche+Welschenhs,Doktorshs,Offers,ergänzt#
Blick auf den westlichen Teil von Gruiten-Dorf in der Zeit von 1879 bis 1895. 

Das alte Foto bietet aber noch mehr Überraschungen. Es ist z.B. das Welschenhäuschen abgebildet, das bis 1902 direkt an der Kirchhofsmauer stand und zuletzt Welsche Mauer genannt wurde: Rechts vor der alten Kirche sind das Dach, eine Giebelwand und das Fachwerk einer Seitenwand zu erkennen.

Es ist das einzige bekannte Foto, auf dem das Doktorshaus so zu sehen ist, wie es Mitte des 18. Jh. erbaut wurde: Man erkennt nicht nur das Fachwerk einer Giebelwand, das später für lange Zeit zugemauert war und erst vor ein paar Jahrzehnten wieder freigelegt wurde, sondern auch das Fachwerk einer Seitenwand, das ebenfalls vor vielen Jahrzehnten hinter einer Ziegelmauer verschwunden ist und bis heute nicht wieder freigelegt wurde.

Außerdem ist das Foto das einzige bekannte, auf dem alle drei Gebäude zu sehen sind, die früher dem Doktorshaus gegenüber standen: unten das Offerhus (Offers), darüber das Haus Höhländer und oben das Schneidershaus, das Haus, das so weit in die heutige Pastor-Vömel-Straße hineinragte, dass der Trolleybus sich über 20 Jahre zwischen ihm und dem Haus Weinberg hindurchzwängen musste. Einzig erhalten geblieben ist von den drei Gebäuden das Offerhus. Das Haus Höhländer wurde schon in den 1920er Jahren und das Schneidershaus Mitte der 1950er Jahre abgebrochen. Die große Lücke, die durch den Verlust der beiden historischen Gebäude im Ortsbild entstanden war, wurde aber durch Fachwerkneubauten wieder geschlossen.

Auch der rechte Teil des Fotos hat einiges zu bieten:

1894max.,AB-Bild a03 (Bd.50,S.46) Ausschn.ref.Kirche-Quall-kath.Kirche,ergänzt#
Blick auf den östlichen Teil von Gruiten-Dorf in der Zeit von 1879 bis 1895.

Links neben der evangelisch-reformierten Kirche steht das ev.-ref. Pfarrhaus von 1764, aber es hat einen zweigeschossigen Anbau (in dem sich damals der Gemeindesaal befand), der schon vor Jahrzehnten auf ein Geschoss zurückgebaut worden ist. Und am rechten Bildrand links vor der katholischen Kirche erkennen wir dort, wo wir zurecht das Haus am Quall vermuten dürfen, zwar eine Ansammlung von Gebäuden, finden aber vom Haus am Quall nur eine vage Spur. Lediglich das Dach des Gebäudes, in dessen Inneren das heutige Kleinod des Dorfes über etliche Generationen verborgen war, ist zu sehen. Erst als das auf die ev.-ref. Kirche zulaufende Gebäude (Haus am kleinen Teich), das im rechten Winkel daran angebaute Bräuhaus, sowie die Vor- und Anbauten auf der Ostseite abgebrochen worden waren, kam in den 1970er Jahren der Kern, die alte Bauernburg, wieder zum Vorschein. Deren Wiederherstellung wurde dann 1980 mit einem Fest gefeiert, aus dem die Tradition des Gruitener Dorffestes hervorging.

Lothar Weller, 15.8.2019 (Foto: Archiv Breidbach, a03; Ergänzungen auf den Bild-Ausschnitten von mir.)

Anmerkung: Dies ist die nach dem Erkennen des „Welschenmauer-Mythos“ korrigierte Fassung eines bereits 2010 erschienen Artikels. Siehe: www.historisches-dorf-gruiten.de/index_dorf2.htm unter „Drei Kirchen Dorf“ und WZ online v. 1.4.2010.

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