Die napoleonische Administration ordnete die Auflösung der Kirchengemeinde Schöller und ihre Verschmelzung mit der reformierten Gemeinde Gruiten an. Das führte in Schöller zu passivem Widerstand und zu einer Initiative, die mit allen Mitteln die Ausführung der Anordnung zu vereiteln suchte und tatsächlich Erfolg hatte.

Während in Haan Pastor Bellingrath der Huldigungsanordnung für den neuen, erst viereinhalbjährigen Großherzog von Berg auf ganz eigene Weise nachkam und damit für einen Eklat sorgte – siehe „‚Napelonisches‘ (1)“ -, hatten die Gruitener und die Schölleraner damit kein Problem: Die Munizipalräte aus ihren Gemeinden waren ja in die Haaner Kirche beordert worden, da konnte es am Huldigungstag in ihren Kirchen zugehen, wie es wollte. Den Gruitener Reformierten war jedenfalls die Huldigung nicht einmal eine Erwähnung im Protokollbuch des Konsistoriums (heute: Presbyterium) wert. Und im Protokollbuch der reformierten Gemeinde Schöller[1] steht auch nichts, denn Schöller hatte zu dieser Zeit gar keinen Pastor; der war am 25.3.1809, wenige Tage vor der Huldigung am 3.4.1809 gestorben. Die Gemeinde wollte einen neuen Pastor wählen, aber die napoleonische Administration des Großherzogtums Berg verbot ihnen dies – schlimmer noch: die Kirchengemeinde sollte ihre Eigenständigkeit verlieren.

1809-12-14 Bellingrath an Benninghofen (1)Aussch,40%
Auszug aus einem Schreiben des Sekretärs des Bürgermeisters an den Beigeordneten Benninghofen in Gruiten vom 14.12.1809: „… mit wenigen Worten: daß es keinem Zweifel unterworfen ist und so zu sagen gewiß, daß nach dem eingeschickte Plan die Pfarreyen hier in unserer Mairie organisiert werden, und daß demzufolge zu Gruiten die Kirche der Reformierten in der Herrschaft Schöller [nemlich was hier in der Mairie davon liegt] wird und die Gemeinde zu Schöller einmal [ganz dahin einverleibt wird…]. (Dokument aus dem Nachlass Benninghofens im Besitz der Fam. Kratz, Gruiten.)

Das war für die Schölleraner – eine der ältesten Gemeinden im Bergischen! – ein tiefer Schock, für den Gruitener Pastor jedoch sehr vorteilhaft: Er sollte nach der Erweiterung seiner Gemeinde um die Gemeinde Schöller das „Gehalt“ des früheren Pastors von Schöller zusätzlich zu seinen bisherigen Einkünften als Gruitener Pastor erhalten. Verständlicherweise war er sehr für die Zusammenlegung der Gemeinden, aber von Stund an in Schöller nicht mehr gelitten. Die Schölleraner leisteten passiven Widerstand. „Die Gemeindeglieder wußten […] aus Erfahrung und Uebung von früheren Geschlechtern her, wie man unwillkommene Eindringlinge abwehrt. Sie ließen Herrn Haertges [den Gruitener Pastor] vor leeren Bänken predigen, entzogen ihm die Kinder vom Unterricht und gingen ihm gänzlich aus dem Wege“, schrieb ein späterer Pastor von Schöller dazu und ergänzt in einer Fußnote die Überlieferung, dass „kaum drei Seelen aus der Gemeinde gegenwärtig gewesen seien“, wenn der Gruitener Pastor in Schöller Gottesdienst hielt.[2] Aber das allein reichte natürlich nicht, um das Ende der Gemeinde Schöller abzuwenden. Zunächst versuchten es die Schölleraner mit Eingaben auf den offiziellen Wegen, aber die wurden abgeschmettert. Dann beschritt man auch inoffizielle und informelle Wege. Schließlich erreichte man eine Audienz bei einem durch Elberfeld reisenden Minister, Staatssekretär des Großherzogtums Berg, der eine Denkschrift der Schölleraner entgegennahm und tatsächlich eine Überprüfung und schließlich eine Revision des Schöller betreffenden Verfahrens veranlasste. „Der Ausgang war eine Zurücknahme der früheren Verfügungen mit dem Zugeständnis freier Pfarr[er]wahl der Gemeinde.“ Der Beschluss wurde dem Konsistorium in Schöller um Weihnachten 1810 mitgeteilt.[3] Zuvor hatte aber schon die „stille Post“ die gute Nachricht nach Schöller getragen, wie aus in Gruiten vorhandenen alten Dokumenten zu erkennen ist. In einem Schreiben des Haaner Bürgermeister-Sekretärs vom 3.12.1810 an den Besitzer von Zur Mühlen in Obgruiten, das damals zur Kirchengemeinde Schöller gehörte, heißt es: „…daß wir jeden Tag zu unserem längst gewünschten Ziele kommen können und wir die Nachricht erhalten [werden], daß wir [einen neuen Pastor] wählen können. Wenn Sie noch nicht zu Schöller gewesen sind, und die gute Nachricht überbracht haben, so gehen Sie und machen Sie solche damit bekannt. Sie müssen aber alles still halten, daß nichts bekannt wird; besonders vom [Name eines „Vermittlers“], daß dies nicht aus kömmt. […] Ja lieber Kratz [Besitzer von Zur Mühlen], wenn wir nun den Sieg bekommen, wornach nicht zu zweiflen ist, dann wollen wir aber auch einmal recht ein Freudenfest anstellen, dann soll es auch einmahl heißen: Hey wie et geit!“ Dieses Schreiben macht auch klar, dass zur Erreichung des Ziels „hinter den Kulissen“ mit Personen zusammengearbeitet wurde, die nicht aus Schöller, Gruiten oder Haan stammten, aber offenbar im Stillen Einfluss ausüben konnten. Umsonst war diese Hilfe nicht, wie aus einem erhaltenen Schreiben vom 9.11.1810 deutlich zu erkennen ist:

1810-11-29 Bellingrath an W. Kratz (1)Ausschn,40%
Ausschnitt des Schreibens vom 9.11.1810, aus dem die folgenden Zitate stammen. (Dokument im Besitz der Fam. Kratz.)

„Anliegend empfangen Sie die […] von dem bewußten Freund erhaltene Antwort. Sie ersehen aus demselben, daß der F. schon gestimmt ist, und daß dieser Freund auch alles thun will, um den B. zu stimmen […]. Ich schrieb demselben […] daß die Deputirten noch im Laufe dieser Woche zu ihm kommen würden und ihm seine Bemühungen und Auslagen dankbarlichst vergüten wollten. Hierauf schreibt er mir nun, daß ich Sorge tragen möchte, daß die Deputirten etwas Geld für den Vorschuß schicken möchten. Gehen Sie daher noch heute […] zu Ihrem Mit-Deputirten […] damit einiges Geld dem [Name des „Vermittlers“] gesandt wird…“ Und auch der Schreiber dieser Zeilen, der Sekretär des Bürgermeisters, macht in diesem Schreiben klar, dass er ebenfalls „Kostenerstattung“ erwarte: „Die Reise am Freitag hat mich 1 Reichsthaler und 34 Stüber gekostet. Solche Auslagen, die ich schon mehrere gehabt habe – können mir doch nicht zugemuthet werden, daß ich solche vorstrecken soll“. Aber letztlich hatte sich aller Aufwand gelohnt: Die Kirchengemeinde Schöller blieb eigenständig. 

Lothar Weller, 4.8.2019 (Titelfotos und Repros von mir)

PS: Rund 200 Jahre zuvor war die Verbindung zwischen den Reformierten aus Gruiten und Schöller so eng, dass der Pastor von Schöller einige Zeit in Gruiten wohnte (s. dazu den Beitrag „Gemeinsame Kirchengeschichte vor 400 Jahren“). Und rund 210 Jahre nach den Ereignissen von 1809/10, nämlich am 1.1.2019, ist es dann doch zum Zusammenschluss der ref. Gemeinden von Schöller und Gruiten zu einer Gemeinde Gruiten-Schöller gekommen. Aber das geht selbstverständlich nicht mehr auf Napoleons Rechnung.


[1] Eine katholische Gemeinde gab es in Schöller – wie auch in Haan – schon nicht mehr, seit sich hier die Reformation durchgesetzt hatte.

[2] Matthias Henrici, Aus der Geschichte der Gemeinde Schöller, in: Monatshefte für  Rheinische Kirchengeschichte, Heft 8/9, 1936, S. 225-288 (S. 259). 

[3] Henrici (wie Anm. 2), S. 260.

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