Die Veränderungen, die das napoleonische Großherzogtum Berg ab 1806 für die Bürger einführte, betrafen auch den Bürger Pastor. Als 1808 Nachtwachen angeordnet wurden, die dafür sorgen sollten, dass die Bürger ruhig schlafen konnten, waren die Pastoren nicht ausgenommen. Allein oder zusammen mit ihren Küstern/Schulmeistern mussten sie genauso wie die übrigen Männer Nachtwachen übernehmen.

In einem Nachtwacheplan für Gruiten-Dorf[1] heißt es dazu: 

1808 Nachtwache Gruiten-Dorf 002 (oben)Ausschn,40%
Nr. 8+15: „Herr Pastor [Name] und Meister [Name] müßen jedesmahl gehen; doch muß einsmahl der Herr Pastor, daß anderemahl der Schullehrer die Wachtstube halten“.

Was die Nachtwache zu tun hatte, erfahren wir ziemlich ausführlich aus der Anweisung für den obern theil Von Gruiten: „Muß bey winterszeit die wacht abends von 11 uhr biß Morgens 4 uhr gehalten werden, und in dieser zeit 3 biß 4 mahl bewafnet, still und ordentlich durch den distrikt […] gehen, und an einigen hausern anklopfen. Sollte die wacht etwa Verdächtige antreffen, so hat hinsolche gleich zu arretiren und jeder Einwohner ist schuldig und Verpflichtet, der wache in solchem fall auf ihr gesuch hülfe und unterstützung zu leisten, und dann den Vorgang an gehörigem orte anzuzeigen.“

Damit die Nachtwache auch wirklich wachte, waren Visistationen vorgesehen. Deshalb heißt es z.B. in der Wachverordnung für Gruiten-Dorf: „Sollte aber der fall sich eintreffen, daß die Nachtswache ficitiret werde, so sollte derjenige, der die Wachtstube hat, dafür verantwortlich gehalten werden.“

Es ging nicht nur darum, Alarm zu schlagen und für schnelle Hilfe zu sorgen, wenn ein Brand ausbracht. Wer bewaffnet auf Streife gehen muss und Verdächtige festnehmen soll, der ist mit polizeilichen Aufgaben betraut. Aus Schreiben des Haaner Bürgermeisters (Maire) an seinen Beigeordneten (Assessor) in Gruiten ist klar zu erkennen, dass die Nachtwachen auch Einbrüche und Diebstähle vermeiden sollten: „Gestern habe von Düsseldorff aus einen außerordenlichen verweis erhalten, daß es ganz wahrscheinlich seye, das in den Honnschaften von Schöller keine polizeyaufsicht wäre, es wäre mit daraus zu sehen, in keinem orte im Lande wäre das stehlen so üblich als dorten und glaubten nicht, das auf die Nachtswachen acht gegeben würde.“[2a] Kurze Zeit später gibt der Bürgermeister seinem Beigeordneten zu verstehen, dass der Verweis aus Düsseldorf nicht auf die leichte Schulter genommen werden sollte: „[…] im falle das wieder gestohlen würde, ging es nicht gut für uns“, schreibt er.[2b]

Die Verordnung, dass auch die Pastoren als Hilfspolizisten nachts Wachgänge machen mussten, ging aber wohl einen Schritt zu weit. Es ist mir nicht bekannt, aus welcher Richtung der Anstoß für eine Änderung kam, aber als 1813 – kurz vor dem Ende des napoleonischen Intermezzos im Bergischen – „das Nachtwachenwesen neu geordnet“ und „genaue Bestimmungen über Organisation, Bewaffnung, Instrumente zum Lärmschlagen, Versammlungslokale etc.“ erlassen wurden, war darin auch geregelt, dass zwar grundsätzlich „alle männlichen Bewohner zwischen 18 und 60 Jahren in den ihnen zugeteilten Bezirken regelmäßig Wachdienst versehen [mußten]“, nicht jedoch „Geistliche und Lehrer“.[3]

Lothar Weller, 1.8.2019 (Repros von mir)

Anmerkung: Dies ist die überarbeitete und erweiterte Version eines Artikels, den ich im Gemeindebrief der ev.-ref. Kirchengemeinde Gruiten Nr. 2/2009 veröffentlicht habe. Im Internet steht er auch auf www.historisches-dorf-gruiten.de. (dort unter „Vor 200 Jahren“).

Link: Haaner Treff, 18.9.2019 (S. 11)


[1] Neben dem Nachtwachebezirk Gruiten-Dorf gab es in Gruiten noch mehrere Bezirke für die außerhalb des Dorfes liegenden Hofschaften, daneben weitere für Obgruiten und Schöller, wobei der Gruitener Hof Hermgesberg (wohl wegen seiner unmittelbaren Nähe zu Schöller) offenbar ganz pragmatisch für die Nachtwache in Schöller eingeplant wurde; s. Titelabbildung. (Quellen: Dok. XIX 17f, 27, 27a-e, 27g, im Besitz der Fam. Kratz, Gruiten).  

[2] a) Schreiben ohne Datum, am 24.2.1809 beim Empfänger eingetroffen, b) Schreiben vom 7.3.1809; a+b): Dok. XIX 23, im Besitz der Fam. Kratz, Gruiten.  

[3] Reinhard Koll, Wie Haan die kommunale Selbständigkeit erhielt, in Hilden und Haan in der Franzosenzeit (1806-1813), Hilden 1995, S. 117 f.

 

Werbeanzeigen