Vor 250 Jahren wurde der spätere französische Kaiser Napoleon I. geboren. 1806 wurde aus dem rechtsrheinischen Gebiet des Herzogtums Kleve und dem Herzogtum Berg ein napoleonischer Satellitenstaat des französischen Kaiserreiches: das Großherzogtum Berg. Durch kommunale und administrative Neuordnung wurden Gruiten, Millrath und Schöller Teile der Mairie (Bürgermeisterei) Haan im Canton Mettmann des Arrondissements Düsseldorf. Als vor 210 Jahren Napoleon I. den erst viereinhalb Jahre alten Sohn seines Bruders zum Großherzog von Berg ernannte, kam es in Haan zu einem Eklat.

Ein kleiner Junge wird Großherzog, und der Haaner Pfarrer predigt über „Wehe dir, Land, des König ein Kind ist“                 

Für Ostermontag 1809 war überall im Bergischen die Huldigung des viereinhalbjährigen Neffens von Napoleon I., Napoleon-Louis, als neuem Großherzog von Berg angesetzt. Die Pfarrer waren verpflichtet worden, eine Huldigungspredigt zu halten. Der ganze Gemeinderat mit dem Bürgermeister (Maire) an der Spitze musste in der Kirche daran teilnehmen. In Haan bekam diese Huldigung jedoch eine besondere Note. Der damalige Haaner Pastor Bellingrath war, so haben es seine späteren Amtsnachfolger Glaser und Hess berichtet, kein Freund der Franzosen und habe deshalb gegen alle Anordnungen keine Huldigungspredigt gehalten, sondern über das Bibelwort „Wehe dir, Land, des König ein Kind ist“ gepredigt. Das war natürlich ein Affront gegen die weltliche Obrigkeit. Bellingrath wurde sofort nach Düsseldorf einbestellt, um sich für seinen Ungehorsam zu verantworten. Aber er schrieb couragiert zurück, dass in solch unruhigen Zeiten der Hirte seine Herde nicht verlassen dürfe, er aber selbstverständlich seinen Predigttext ungekürzt und unkorrigiert einsenden werde. Die Regierung in Düsseldorf war weise genug, es dabei bewenden zu lassen. Bellingrath blieb unbehelligt.[1]

Was es bedeutet hat, sich der Huldigungsanordnung der Obrigkeit zu widersetzen, wird deutlich durch ein 210 Jahre altes Dokument, mit dem der Provinzialrat Graf von Spee dem damaligen Haaner Bürgermeister Schmachtenberg Instruktionen für die Huldigungszeremonie übermittelt hat – bis hin zu Anweisungen für den Pfarrer. Das drei Seiten lange Schreiben ging 1809 mit Ergänzungen vom Haaner Bürgermeister an seinen Beigeordneten Benninghofen in Gruiten und blieb über Generationen im Besitz der Familie Kratz auf Hof Grund in Gruiten fast unversehrt erhalten.[2]

1809-03-21 Großhzgt.Berg an Napoleons Neffen,JPK-Dok.XIX 18L (1)Ausschn,30%
Anfang des dreiseitigen Schreibens des Provinzialrats.

Lothar Weller, 31.7.2019 (beide Repros von mir)

Link: Haaner Treff, 28.8.2019


[1] Hier ein Auszug aus der Schrift von Pfarrer Glaser:Gesch.d.ev.Gem.Haan,S.29f,Glaser über Bellingrath

[2] Hier der Text des Schreibens im Klartext [Abschrift des JPK-Dok. XIX 18L]:

Groszherzogthum Berg.

Bezirk DDorf              Düsseldorf am 21sten März 1809

Der Provinzialrath
an
d[en]H[errn] Director[i] zu Haan!

Sie empfangen hiebei eine Anzahl Abdrucke des Kais[erlich] allerhöchsten Patents vom 3ten dieses, wodurch seine K[aiserlich] K[önigliche] Majestät allerhöchst ihrem Neffen dem Prinzen Napoleon-Ludwig[ii] altestem Sohn Sr. Majestät des Königs von Holland, das Grosherzogthum Berg u. Cleve samt den mit denselben vereinigten Staaten übertragen haben.
Sie ersehen hieraus wie glücklich das Grosherzogthum ist, sein Schicksal auf eine so glorreiche Weise befestigt zu sehen und einen Prinzen zu erhalten, der die erste u. schönste Hofnung einer Familie ist, in welcher die Vorsicht Genie u. Tugend, und alle Eigenschaften die würdig machen zu regieren niedergelegt zu haben scheint, welches Vertrauen und welche Liebe die Jugend des Prinzen einflößen muß, indem er den größten der Menschen zum Lehrer in der Kunst die Völker zu regieren, und zu beglücken haben wird. Daß also die Zukunft sich mit der Gegenwart verbindet, um dem Großherzogthum ein lange Dauer von Wohlfahrt zu versichern.
Am Montag den 3ten Aprill[iii] Morgens muß in allen Kirchen dieses Patent öffentlich verkündet werden, der Munizipal=Rath hat an diesem Tage dem Gottesdienste in Corpore beizuwohnen, und in allen Kirchen wird ein feierliches Herr Gott dich loben wir unter Läutung der Glocken abgehalten, um dem Himmel, für die ausgezeichnete Wohlthat zu danken, welche er über das Grosherzogthum verbreitet hat.
Jeder Pfarrer wird auf dieses denkwürdige Ereigniß, eine paßende Rede halten, worzu sie dieselben aufzufordern haben, und es wird zudem leicht sein zu zeigen, wie es nur durch eine für dieses Land ganz besondere Gnade von dem, durch welchen die Könige regieren, hat geschehen können, daß ein junger Fürst zum Thron des Großherzogthums berufen ist, um solchen zu befestigen, nachdem er die Lehre der Weisheit des großen Mannes wird erhalten haben, nachdem er unter dessen bewunderungswürdigen Beispielen wird erzogen sein, und in der ersten Schule der Welt gelernt haben, Religion, Gerechtigkeit u. Wahrheit zu schätzen und zu lieben, kurz alles was den beständigen Ruhm der Konige macht, weil das Wohl der Völker davon abhängt.[iv] 
Die Polizey-Behörden werden Feste und alle öffentliche Lustbarkeiten, welche den Wohlstand nicht verletzen, erlauben, und selbst den freyen Ausdruck der Freude und der öffentlichen Dankbarkeit anfeuren.
Uebrigens haben Sie sämtliche Beamten und Angestellten zur Beiwohnung des Festes einzuladen, und es werden ihrer Wahl die Mittel überlaßen ihre Ehrfurcht und Dankbarkeit gegen Sr. kaiser[lichen] Majestät auszudrücken. Nur ist es nöthig ein Protocoll über den Vorgang abzuhalten, in welchem zugleich das Ceremoniel der Verkündigung des kaiser[lichen] Patents beschrieben wird, Dieses Protocoll wird der Samlung der Gemein[d]e[-]Protocoll[e] beigefügt.
F[riedrich] G[raf] v[on] Spee

Herr Assessor Benninghoven
Bekommende g[nädi]g[ste] Weißungen mit Patent übersende ihnen um Jedem H[errn] Pfarrer eins durch polizey Sergant zuzustellen[,] um Morgen den Gemein[d]en dieß Fest anzukündigen. – Jhnen übersende obiges um daß Sie frühzeitig auf das Gloreiche Fest sich vorbereiten können.
mit Gruß. J[ohann] f[riedrich] Schmachtenberg


[i] Titel des Bürgermeisters zu Beginn der napoleonischen Zeit, später Maire.

[ii] Napoleon-Louis war zu dieser Zeit knapp 4 ½ Jahre alt (geb. am 11.10.1804).

[iii] Ostermontag. Diesen Tag bestätigt das Textfragment auf dem 2. Blatt des JPK-Dok. XIX 18m (beschädigt, Mäusefraß): „Ostermontag ist der Huldigungstag unseres Neuen Landesfürsten Napoleon Ludwig wo dan nach eingelangter weisung der Ganze M[unizipal] Rath in Corpore versamlet u. hier[selbst] dem öffentliche Gottesdie[nst beiw]ohnen muß[.] es ist nun wohl ?????? [d]aß man sich die Uniform ????????? morgen werde die al???????? ihnen zustellen“. [Hinweis zu „Uniform“: Reinhard Koll schreibt dazu in „Wie Haan die kommunale Selbständigkeit erhielt“: „[…] wie die Munizipalräte trugen sie [der Direktor und die Beigeordneten] bei offiziellen Anlässen ‚ein französisches Kleid von Pucefarbe‘ (dunkles Rot/Braun).“] 

[iv] Was der Haaner Pfarrer C. Glaser dazu geschrieben hat, ist oben abgebildet (Anm. 1). Die gleiche Geschichte ist auch in Haan – Werden und Wachsen einer bergischen Stadt, Haan 1959 enthalten. Der dort auf Seite 107 abgedruckte Text des Haaner Pfarrers Wilhelm Hess ist fast gleichlautend. Leider fehlt in beiden Werken eine Qellenangabe für das Zitat. 

 

 

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