Mitte des 19. Jahrhunderts begann der industrielle Kalksteinabbau in unserer Gegend, bei dem 1856 im Neandertal die Knochen des Frühmenschen entdeckt wurden, der nach seinem Fundort Homo Neanderthalensis (Neandert[h]aler)[1] genannt wird. Der Abbau im Einzugsbereich von Gruiten begann Ende des 19. Jahrhunderts zwischen den Höfen Thunis und Bracken, setzte sich düsselaufwärts in Richtung Gruiten-Dorf und darüber hinaus bis zu den Höfen Düsseler Mühle, Große Düssel, Pütt und Postdüssel fort. Die Werke, die den gebrochenen Kalkstein aus Gruiten verarbeiteten, lagen alle ganz nah an der 1841 fertiggestellten Eisenbahnlinie zwischen Düsseldorf und Elberfeld, also verkehrsgünstig für den Transport des Endproduktes Kalk zu den Abnehmern im weiten Umkreis.

Zu den Werken kam der Kalkstein aus den Brüchen, die düsselabwärts von Gruiten-Dorf lagen, mit Dampfloks über ein ausgedehntes Schmalspurschienennetz, dem wir viele ebene Wanderwege im Düsseltal verdanken. Wie aber konnte das Abbaugebiet nördlich von Gruiten-Dorf an dieses Schienennetz angeschlossen werden, ohne Schienen mitten durch das Dorf zu legen und das Dorf mit der Bahn zu durchschneiden? Dazu hätte die Anhöhe, auf der die Straße von Gruiten nach Mettmann verläuft, überwunden werden müssen; das ging mit der Bahn nicht. Also entschied man sich, einen etwa 240 m langen Tunnel unter der Mettmanner Straße und dem Feld neben dem Friedhof am alten Nikolausturm durch den Fels zu treiben. Die Planung begann 1899[2]; 1904-05 wurde er gebaut. Das Titelbild, der folgende Ausschnitt daraus und das Foto darunter zeigen die Tunnelöffnung auf der Südseite.

1904 Tunnel,Kalk,HeinhauserLüh,s.AB Bild i33, Bd.8,S.34 (1bAusschn.)#30%
Das Foto entstand offenbar, als der Tunnel noch nicht fertiggestellt war, denn das Gleis endet vor dem Tunnel.  Foto (Ausschnitt): Gruitener Archive/Kratz.
Bild U22 (Bd.39,S.61) KalkTunnel m.Zug#30%
Foto aus der Zeit nach Inbetriebnahme des Tunnels. Rechts im Hintergrund der alte Nikolausturm.
1905 ca. IM GRUND + Kalkabbau (1)#ohneQuellenangabe,30%
Abb. oben und unten: So sah es in der Frühzeit des Tunnelbetriebs auf der Südseite vor dem Tunnel aus. Blick von der Anhöhe, über die die Straße von Gruiten nach Mettmann führt. In der Bildmitte: Hof Im Grund. Auf beiden Bildern ist zu erkennen, dass die Bahnanbindung zum Doppelringofen Hansenheide (im Bild unten die beiden Schornsteine ganz oben links) schon besteht. Fotos: Gruitener Archive/Kratz.

1905 ca., Im Grund-Hof + Kalkabbau,Ausschn

Mehr als 50 Jahre wurde dieser Tunnel für den Bahnbetrieb von den Steinbrüchen nördlich des Dorfes zum Doppelringofen Hansenheide bzw. später zum RWK-Kalkwerk an der Fuhr genutzt. Anfang der 1960er Jahre begann dann die Erweiterung des Tunnels auf etwa 5 x 5 m. Außerdem wurde eine breite SKW-Straße gebaut (auf der Südseite des Tunnels heißt sie heute Sinterstraße, auf der Nordseite Am Steinbruch) und ab 1962 der gesamte Kalksteintransport durch den Tunnel auf schwere LKW (SKW) umgestellt.

1962-66 RWK 002, Tunnelausfahrt m.SKW,v.B.Töller#30%
Südende des erweiterten Tunnels mit einem der mächtigen SKWs darin, wie sie von 1962 bis 1966 gefahren sind. Foto: Gruitener Archive/Töller.

Die Tunnelerweiterung wurde von einem Einsturz überschattet, der einen Teil der darüberführenden Mettmanner Straße „verschluckte“ und die Verkehrsverbindung zwischen Mettmann und Gruiten für einige Zeit unterbrach. Niemand ahnte zu dieser Zeit, dass der Tunnel schon rund 4 Jahre nach seiner Erweiterung seine Funktion völlig verlieren sollte, weil der Kalksteinabbau und die Kalksteinverarbeitung in Gruiten 1966 abrupt zu Ende gehen würde. Inzwischen sind die beiden Tunnelenden schon seit rund 50 Jahren zugemauert.

1904-2011-Vergleich TunnenausgangSüd,20%
Vergleich Tunnelende Südseite: links 1904, rechts 2011 (zugemauert und zugeschüttet). Fotos (Ausschnitte): links Gruitener Archive/Kratz, rechts von mir.

Lothar Weller, 23.7.2019 (erweitert 10.10.2019) – Titelfoto: Gruitener Archive/Kratz.

Links: Rheinische Post online, 12.8.2016 * Haaner Treff, 31.7.2019 (S. 8)


[1] Zur Zeit der Entdeckung des Neandert[h]alers schrieb man noch Neanderthal, also mit „th“. Das Neanderthal-Museum hat in seinem Namen diese Schreibweise beibehalten, und auch die wissenschaftliche Bezeichnung hat sich nicht geändert. Aber das Neandertal und auch der Neandertaler werden heute allgemein ohne „h“ geschrieben.

[2] Archiv St. Nikolaus Gruiten, Protokolle der Kirchenvorstandssitzungen a) vom 24.9.1899: […] Antrag der Gewerkschaft Pluto […] Erwerbung eines Teil des sog. Kirchenfeldchens […] zu einer industr. Anlage […];   b) vom 4.11.1900: […] Antrag der Gewerkschaft Pluto […]: […] möchten wir unter der […] Ackerparzelle Flur 2 Nr. 361/27 vermittelst eines […] Tunnels ein Fördergeleise durchbauen […]; c) vom 25.8.1901: […] Thätigung des notariellen Aktes, wodurch der Gesellschaft „Bergische Dolomit- und Weißkalkwerke“ hierselbst von dem Grundeigenthum der Kirche Flur 2 Nr. 361/27 […] eine Fläche von 45 ar verkauft werden soll.  

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