Ein zur Straßenseite hin verklinkertes Gebäude inmitten eines historischen Dorfes – wie kann das sein? Nun, diese „Bausünde“ war schon vorhanden, bevor Gruiten-Dorf unter Denkmalschutz gestellt wurde. Und irgendwie verständlich ist sie auch, denn bis Anfang der 1990er Jahre stand das Dorf regelmäßig im Hochwasser, wenn Düssel und Kleine Düssel über die Ufer traten. Aber Fachwerkhäuser und deren Bewohner mögen das gar nicht. Das verklinkerte Haus an der Pastor-Vömel-Straße mit der Adresse Quall 17 ist nämlich unter der Fassade ein altes Fachwerkhaus! Zeitweise war es zum Teil oder ganz mit Brettern verkleidet, bis Mitte der 1960er Jahre die Klinkerfassade angebracht wurde. 

Das älteste bekannte Foto zeigt offenes Fachwerk an der Straßenseite: 

Bild V11#(Bd.50,S.5) Ausschn.Breidshüsken
Ausschnitt eines Fotos aus dem späten 19. Jahrhundert. Foto: Archiv Breidbach, Bild V11.
hist.Breidshuesken,groß
Foto aus der Zeit, als das Haus am Quall noch völlig umbaut war (im Bild ganz links ist der Fachwerkvorbau an der Ostseite des Steingades zu erkennen). Foto: Gruitener Archive.
Breidshäuschen im Hochwasser
Breidshüsken im Hochwasser. Foto: Gruitener Archive.

Im „Historischen Lehrpfad“ kann man lesen: „Gerade das Breidshüsken hat von jeher unter dem Hochwasser […] zu leiden gehabt, sodaß die Bewohner nicht selten 8 Tage und länger im oberen Stockwerk leben mußten, ja manchmal mit ihrem Vieh.“[1] (Siehe dazu auch das Foto in „Als ‚die Tosende‘ noch das Dorf eroberte“.)

Hochwasser am Breidshäuschen-Wiedenhof.jpg
Das Hochwasser im Dorf ist zurückgegangen, aber vor dem Eingang zum Breidshüsken (links im Bild) sind immer noch Sandsäcke erforderlich. Foto: Gruitener Archive.

Aber auch ohne Hochwasser standen bei Regen schnell Pfützen auf der Straße. Eine Umgehungsstraße gab es noch nicht, also ging der ganze Verkehr durchs Dorf. „… durch den Schmutz, den der immer stärker werdende Verkehr mit sich brachte, [konnte das Haus] nicht mehr ständig sauber gehalten werden“, heißt es im „Historischen Lehrpfad“ dazu.[1] 

Breidshüsgen, AB Bild n25,Bd.8,S.79#,40%
Die Bretterverkleidung ist entfernt, die Verklinkerung wird vorbereitet. Foto: Archiv Breidbach, Bild n25.

Das ursprüngliche Haus (ohne den späteren, vorspringenden Anbau nach Westen) könnte aus den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts stammen. Im Urkataster von 1830/31 ist es schon verzeichnet. Im 19. Jahrhundert soll sich hier die Annahmestelle einer Elberfelder Textilmanufaktur für die Gruitener Hausweber befunden haben.[2] 

Die Bezeichnung Breidshüsken geht zurück auf frühere Bewohner mit dem Namen Breid/Breidt.[3] Heutige alte Gruitener nennen es aber eher nach den Bewohnern des 20. Jahrhunderts Richartzhäuschen.

Breidshüsgen 2005-01-11 (1)#30%

Lothar Weller, 12./13.7.2019 – Titelfoto (2006) und Schlussfoto (2005) von mir. 


[1] Historischer Lehrpfad Gruiten, Hg.: Bürger- und Verkehrsverein Gruiten e.V., 6. Auflage Mai 2003, S. 16.

[2] Fritz Breidbach, Gruiten – Die Geschichte eines Dorfes an der Düssel, Gruiten 1970, S. 98.

[3] Lehrpfad (wie Anm. 1), S. 16. (Die Taufe des dort erwähnten Peter Breidt, der 1796 in diesem Haus geboren und später – vielleicht der erste – Gruitener Postbote gewesen sein soll, habe ich in den Kirchenbüchern Gruitens bisher nicht gefunden.)