Der Hof gehörte zu den ältesten und bedeutendsten auf Gruitener Gebiet, seit 1448/58 ist er urkundlich belegt.[1] Zusammen mit den ganz nah beieinander liegenden Nachbarhöfen Große Düssel, Pütt, Düsseler Sprung und Düsseler Mühle bildete der Hof Postdüssel einige Jahrhunderte lang einen Weiler mit der größten Siedlungsdichte am Lauf der Düssel zwischen den Kirchen von Schöller und Gruiten. 1487 gehörte der Besitzer der Postdüssel, Johan Post, zu den rund 2400 Personen, die Herzog Wilhelm II. von Jülich-Berg aus Geldnöten helfen mussten. Er zählte wohl schon damals zu den zahlungskräftigsten Gruitenern, denn er und der Besitzer des Hofes Quall bedienten die herzogliche Anleihe mit je siebeneinhalb Goldgulden, dem dreifachen dessen, das der ebenfalls bedeutende Gruitener Hof Heinhausen beisteuerte.[2]

Die Bezeichnung Postdüssel hat nichts mit der Post zu tun. Es gibt jedenfalls im Zusammenhang mit diesem Hof bisher nicht den geringsten Hinweis auf eine Poststation, wie man vielleicht vermuten könnte. Fritz Breidbach hat deshalb die Entstehung des Hofnamens so zu erklären versucht: Der Hof Postdüssel lag von der Gruitener Kirche und den Höfen in ihrer Nähe aus gesehen hinter dem Nachbarhof Große Düssel und außerdem auf der anderen Seite des Baches, also quasi „hinter“ der Düssel. „Hinter einem Ort“ heißt lateinisch „post eum locum“, woraus vereinfacht „post Düssel“ wurde.[3] Zu dieser Zeit nannte man jedoch den Hof Große Düssel gar nicht so, sondern nach ihrem damaligen Besitzer, der den Namen Kunde führte, Kundedüssel, sodass sich m.E. eine einfachere Erklärung anbietet: Die Postdüssel hieß ebenfalls nach ihrem Besitzer, der sich Post nannte, denn dieser Name ist schon knapp 30 Jahre nach der ältesten bekannten urkundlichen Erwähnung des Hofes Postdüssel belegt (s.o. 1487 Johan Post). 

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Ausschnitte aus der 1639 angefertigten Abschrift der „Offergerstenrolle“ von 1458 mit den Einträgen zu den Höfen Kundedüssel und Postdüssel. Repro aus dem Archiv St. Nikolaus Gruiten mit Ergänzungen von mir.
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Uralte, nicht mehr vorhandene Düsselbrücke zwischen den Höfen „Große Düssel“ und „Postdüssel“. Foto von 1950: Gruitener Archive/Fam. Meyer

Die Ära des Hofes als landwirtschaftlicher Betrieb ging Anfang des 20. Jahrhunderts zu Ende. Der Eigentümer hat ihn damals an die Rheinisch-Westfälischen Kalkwerke (RWK) verkauft, die dann auf seinem ehemaligen Land Kalkstein abbauten (Grube 7) und in den Hofgebäuden Familien der Steinbrucharbeiter unterbrachten. In den späten 1960er Jahren wurden alle Gebäude abgerissen, denn 1966 hatten die RWK den Betrieb in Gruiten eingestellt. 1969 war dann auch das Haupthaus völlig abgetragen.

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Westseite der Postdüssel, verkleidet mit Holzschindeln. Vorne links der Backofen des Hofes. Foto: Archiv Breidbach, Bild d07/d27
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Bewohner der „Postdüssel“. Fotos: Gruitener Archive/Fam. Mosca-Bertocco
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Hof „Postdüssel“ um 1960. Foto: Gruitener Archive/Sammlg. Kadatz #316.

Fritz Breidbach berichtet über das Haupthaus des Hofes Postdüssel, dass die ungemein starken Fundamente und der Grundriß darauf hindeuten, daß sie gleich dem Quall und Zur Mühlen einmal zu den alten Bauernburgen gehörte. Die Inschrift in einem alten Fachwerkbalken enthielt die Information, dass das Gebäude 1742 erneuert worden war. Bei dieser Gelegenheit blieb von dem Steingaden oder Fluchtturm oberhalb des Kellergesimses nur die mächtige Kaminwand in der Mitte des Gebäudes erhalten.[4]

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Ost- und Nordseite zur Zeit, als das Haus noch bewohnt war. Foto: Gruitener Archive.
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Ost- und Nordseite kurz vor dem Totalabriss. Rechts im Hintergrund erkennt man einen kleinen Teil der Kalkwerksanlagen an Grube 7. Foto: Gruitener Archive.

Das Land des Hofs Postdüssel hatte erhebliche Bedeutung für die Kalkindustrie in Gruiten – besonders durch das Kalkabbaugebiet Grube 7. Aber Kalkbrennen war in unserer Gegend lange vor der industriellen Verwertung des Kalksteins üblich. Auch die Höfe Postdüssel und Große Düssel hatten eigene Kalköfen und brannten darin nicht nur Kalk für den Eigenbedarf, wie wir durch einen Kalkwegestreit aus dem 18. Jahrhundert wissen (siehe: Ein Streit vor 300 Jahren: Beim Kalk hörte die Freundschaft auf).

Kalkstein war für den Hof Postdüssel ein großer Schatz, hat aber auch seinen Untergang herbeigeführt. Eine Erinnerung an den Hof bleibt noch: In der reformierten Kirche Gruitens gibt es in einem Kirchenfenster fünf Gedenkscheiben für Personen, die sich um den Bau der Kirche 1720/21 besonders verdient gemacht haben. Eine davon nennt die Postdüssel, weil sein damaliger Besitzer einer der beiden Bevollmächtigten für den Kirchbau war: 

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Godfried Forsthoff An der Passdussel und Christian Forsthoff An der Kirchen. Bauvolmächtige dieses Gottes-Hauses. Dono Dederunt Anno 1721. Foto (Ausschnitt): Archiv der ref. Kirchengemeinde Gruiten.

Lothar Weller, 25.6.2019 – Titelfoto: Archiv Breidbach, Bild c23/d08

Link: Haaner Treff, 10.7.2019 (S. 13)


[1] Archiv St. Nikolaus Gruiten, Offergerstenregister/-rolle, Abschriften der Urkunden von 1448 und 1458 aus den Jahren 1639 und 1700.

[2] a) Fritz Breidbach, Gruiten – Die Geschichte eines Dorfes an der Düssel, Gruiten 1970, S. 73 f. mit Bezug auf Heinrich Carl Lohmann, Die Auftragung der Untersassen von 1487, Teil I, Stadt und Amt Solingen, in: Zeitschrift des Bergischen Geschichtsvereins, Bd. 69. – b) Gertrud Middell, Gruitener und Mettmanner Lehrerin sowie Lokalhistorikerin, hat in der Rheinischen Post vom 27.9.1958 (Artikel Gläubiger in Gruiten 1487) mit Bezug auf eine Quelle im Bayerischen Hauptstaatsarchiv München, die sie als Reiseplan der Düsseldorfer Räte wegen des Darlehens für den Herzog für die Zeit vom 26.2. bis 5.4.1487 bezeichnet, berichtet, daß vom Gesamtaufkommen in Höhe von 79 Gulden im Bereich der Vierkapellen [Gruiten, Schöller, Düssel, Sonnborn] allein 48 damals aus den Taschen und Truhen der Gruitener Bauern in den Säckel des Herzogs geflossen sind und von den 16 Gläubigern aus dem Bereich der Vierkapellen allein neun aus Gruiten waren, was sie als Zeichen für den damaligen Wohlstand in Gruiten annimmt. (Fritz Breidbach führt ebenfalls 9 Gläubiger auf, kommt aber nur auf 43 1/2 Goldgulden für den Herzog.)

[3] Breidbach (wie Anm. 2a), S. 89.

[4] Breidbach (wie Anm. 2a), S. 90.