Die Verbindung von Gruiten, Schöller mit Obgruiten, Düssel und Sonnborn ist jahrhundertealt. Diese Honschaften bildeten das „Gericht der vier Kapellen“, das schon 1428 nachweisbar ist[1]. Ab 1689 gehörte Gruiten mit Obgruiten, Schöller und Düssel zur Herrschaft Schöller, der auch noch Obmettmann angeschlossen wurde.[2] Dann kam Napoleon und schuf 1806 das Großherzogtum Berg mit ab 1807/08 neu zugeschnittenen Verwaltungseinheiten mit französischen Namen: Arrondissement, Kanton und Mairie. Gruiten gehörte nun mit Obgruiten, Ellscheid, Schöller, Millrath (und selbstverständlich der Gemeinde Haan) zur Mairie Haan[3]ein Gebilde ohne historischen Zusammenhang, wie Fritz Breidbach es nannte.[4]

Das Napoleonische Intermezzo im Bergischen ging zwar bald zu Ende (1815 fiel das Bergische Land an Preußen), aber Gruitens kommunale Zuordnung änderte sich dadurch nicht. Aus der Mairie Haan wurde die Bürgermeisterei Haan, und Gruiten gehörte weiterhin dazu – bis zum 31.3.1894. Aber zufrieden waren die Gruitener (und nicht nur sie) mit dieser Verbindung nicht. So heißt es schließlich 1892 in einem Bericht des zuständigen Landrats an den Regierungspräsidenten in Düsseldorf: „Wie mir […] bekannt ist und durch Gemeindebeschlüsse aus dem Jahre 1890 bestätigt wird, erhofft die Bevölkerung der gedachten Gemeinden [Gruiten, Schöller, Millrath] nur von einer baldmöglichen Trennung von Haan eine endgültige Besserung der gegenwärtigen, auf die Dauer unhaltbaren Verhältnisse.“[5] Zum 1.4.1894 wurde deshalb die Bürgermeisterei Gruiten (ab 1928 „Amt Gruiten“) gebildet, der Gruiten (mit Obgruiten), Schöller und Millrath (später Hochdahl) angehörten. 80 Jahre währte diese Verbindung, dann wurde sie zersplittert: Schöller kam zu Wuppertal, Hochdahl/Millrath zu Erkrath. Gruiten sollte ebenfalls an Wuppertal fallen. Um das zu verhindern, sahen die Gruitener nur eine Möglichkeit: gemeinsam mit Haan, das Stadtteil von Solingen werden sollte, aber nicht wollte, für einen Verbund Haan-Gruiten zu streiten. Keine Liebesheirat, eher ein Zweckehe, aber gekämpft wurde um sie in außergewöhnlicher Weise, deren Höhepunkt 1974 eine Demonstration in Düsseldorf mit der großartigen Beteiligung von 10.000 Personen war. [Link: Rheinische Post online, 24.5.2019 (Printausgabe Haan, 25.5.2019)] 

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Plakatwand in Gruiten, Foto: Archiv Ahrweiler#18
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Busse an der Bahnstraße für die Fahrt zur Demo nach Düsseldorf, Foto: Gruitener Archive/Kadatz#174

Als die Würfel für den Zusammenschluss mit Haan gefallen waren, schrieben Gruitens letzter Bürgermeister, August Thewes, und der Amts- und Gemeindedirektor Kipp im Dezember 1974, dass es der Gemeinde im Ringen um die kommunale Neuordnung zunächst darum gegangen sei, durch einen Zusammenschluß mit der amtsangehörigen Nachbargemeinde Schöller ihre Selbständigkeit zu erhalten. Als sich dann jedoch herausstellte, daß Gemeinden unter 20.000 Einwohnern in der Ballungsrandzone keine Überlebenschance haben würden, sind Gruiten und Haan einig geworden, durch ein Zusammengehen die Chance des weiteren Bestehens innerhalb des Kreises Düsseldorf-Mettmann zu nutzen. […] Die Eingliederung in die Stadt Haan stellt für die alte und selbstbewußte Gemeinde an der Düssel einen tiefen Einschnitt in ihrer jahrhundertealten Geschichte dar. […] Die Gemeinde Gruiten nimmt Abschied von ihrer kommunalen Selbständigkeit in der Hoffnung, daß die Belange bürgerschaftlicher Selbstverwaltung auch nach der Eingliederung in die Stadt Haan für unseren Ort gewahrt bleiben.[6] 

Am 1.1.1975 wurde Gruiten Stadtteil von Haan – „Haan 2“ hieß er damals (s. Abb. unten). Zeitweilig hat es wohl in Gruiten die Hoffnung gegeben, nach dem Zusammenschluss könnte die neue Stadt „Haan-Gruiten“ heißen. Noch in einem Leserbrief, der am 30.12.1974 (also am Tag vor dem Inkrafttreten des Zusammenschlusses) veröffentlicht wurde, ist dieser Gedanke enthalten, war aber wohl eher ironisch-sarkastisch gemeint, denn in Bezug auf den Namen „war der Zug ja bereits abgefahren“.[7] 

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Auszug aus einer Info-Broschüre, die 1975 vom Haaner Stadtdirektor herausgegeben wurde.

1975 wurde auch die Postleitzahl geändert: 

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Aus „5601 Gruiten“ wurde 1975 „5657 Haan/Rheinl. 2“, Abbildung: Gruitener Archive/G. Oswald

Unverändert blieb aber die Telefonvorwahl 02104, die auch heute noch gilt und sich von der Haaner Vorwahl (02129) klar unterscheidet. 

Lothar Weller, 25.5.2019 

Titelfoto: Demo in Gruiten auf dem Platz vor dem „Schwan“, Archiv Breidbach, Bd. 49, S. 62.


[1] Heribert Houben, Das Hauptgericht Kreuzberg, in Zeitschrift des Bergischen Geschichtsvereins, Bd. 78, 1961, S. 70 mit Bezug auf Urkundenbuch Hammerstein Nr. 737 (s. auch Zeitschrift des Bergischen Geschichtsvereins Nr. 15 [1879] S. 160).

[2] Jubiläumsschrift zum 75jährigen Bestehen des Amtes Gruiten am 1. April 1969, hg. vom Amt Gruiten, S. 12. (Siehe auch: Fritz Breidbach, Gruiten – Die Geschichte eines Dorfes an der Düssel, Gruiten 1970, S. 73.)

[3] Reinhard Koll, Wie Haan die kommunale Selbständigkeit erhielt, in: Hilden und Haan in der Franzosenzeit (1806-1813), Niederbergische Beiträge, Bd. 61, Hilden 1995, hg. von Ernst Huckenbeck, S. 112.

[4] Jubiläumsschrift (wie Anm. 2), S. 11. Hier wird zusätzlich Sonnborn als ursprünglich zur Bürgermeisterei Haan gehörend aufgeführt. Die Liste der ersten Munizipalräte der Mairie Haan bei Koll (wie Anm. 1, S. 113) enthält jedoch keinen Sonnborner. In der Jubiläumsschrift (S. 12) steht aber: „Sonnborn [… war] von Anfang an mit der Verbindung mit Haan nicht einverstanden gewesen, kämpfte jahrzehntelang um den Anschluß an das benachbarte Elberfeld, weil es sich wegen der weiten Entfernung vom Verwaltungssitz in Haan in allen Gemeindeangelegenheiten vernachlässigt und benachteiligt fühlte. Am 1. September 1867 wurde Sonnborn dann zur selbständigen Bürgermeisterei erhoben und damit die Trennung von Haan vollzogen.“

[5] Jubiläumsschrift (wie Anm. 2), S. 15.

[6] Faltblatt mit einem Grußwort der Stadt Haan an die Gruitener und einem Aufruf der Gemeinde Gruiten an ihre Bürger, Dezember 1974.

[7] Westdeutsche Zeitung/Generalanzeiger, 30.12.1974, Leserbrief von Johannes Birkenstock unter der Überschrift „Haan-Gruiten – Alles Gute für den Start“: „[…] Haan und Gruiten schließen sich zusammen. Deshalb soll der neue Name „Haan und Gruiten“ heißen. […] was den einzelnen Individuen heute recht ist, beim Heiraten den Namen zu wählen oder beide Namen gemeinsam zu führen, ist den Partnern der neuen Stadt erst recht gerecht.“