Sieht man das eisenharte Gebälk und den mächtigen eichenen Ständer, der das Gerüst des Hauses trägt, dann erkennt man, daß der Erbauer nicht mit Jahren oder Jahrzehnten, sondern mit Jahrhunderten gerechnet hat, in denen es seinen Nachkommen Wirkungsstätte und Heimat sein sollte. Das hat Fritz Breidbach 1970 geschrieben.[1] Zu dieser Zeit war ein Großteil des Fachwerks an der Straßenseite des Hauses gar nicht zu sehen. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts war es durch Holzschindeln verkleidet[1] und danach bis 1991 hinter einer schlichteren Verblendung versteckt (Abb. unten).

 

Bild d16 Scheifenhaus, 25%
Südseite vor 1991 mit verdecktem Obergeschoss-Fachwerk, Foto: Archiv Breidbach, d16

Den noch prächtigeren Eindruck, den Scheifenhaus seit 1993 beim Betrachter hinterlässt, hat Fritz Breidbach nicht mehr erlebt.

Samsung  DIGITAL CAMERA
Scheifenhaus-Südseite 2004

Aber er kannte die Geschichte des Hauses und konnte deshalb zurecht von Jahrhunderten sprechen – und zwar in zweifacher Hinsicht, nämlich sowohl bezogen auf das Gebäude, als auch auf die Bewohner.

Der Ursprung des Gebäudes liegt wohl im 16. Jahrhundert, aber den Hof hat es bereits lange vorher gegeben. Die früheste bekannte Erwähnung stammt aus dem Jahre 1387: It[em] Henneken ind Gordt vom gute geheten Stomp, 15 den[are] heißt es in einem Register des Klosters Kaiserswerth.[2] Damals hieß Scheifenhaus also noch Gut Stomp und war mit 15 Denaren dem Kloster abgabepflichtig. Der Name Scheife taucht aber schon früher auf. Bereits 1503 nahm ein Johann Scheife vom Gut Stomps am Hofgericht teil.[3] Und 1552 wurde gegen Caspar Scheife vom Stomps-Gut verhandelt, weil er seinen Lehnsverpflichtungen nicht nachgekommen war.[3] In einem Verzeichnis von 1568 ist Scheifenhaus als zehntpflichtig an die Herren von Schöller zu erkennen.[4] 1588 hat Caspar Scheife das Gut Scheifenhaus seiner Tochter Neeßgen zugesprochen, die mit Godthart Holthausen verlobt war.[5]

1940max.+2010-ScheifenhausWestseite,50%
Scheifenhaus-Westseite vor 1940 (links) und 2010

Um 1700 befand sich Scheifenhaus im Besitz von Johann Clevenhaus und seiner Ehefrau Margaretha Scheifenhaus. Unter ihren Söhnen wurden Hof und Gebäude in Unten- und Oben-Scheifenhaus geteilt. In Unten-Scheifenhaus heiratete 1742 Engelbert Radenberg von Hasenhaus, in Oben-Scheifenhaus 1753 Johann Peter Niepenberg von Erkrath ein.[6] Hier beginnt die nun schon über 250 Jahre andauernde Verbindung der Familie Niepenberg mit Scheifenhaus. Damit hat sie jetzt schon alle anderen Besitzer-Familien in der langen Geschichte des Scheifenhauses übertroffen.

2012-02-10 Scheifenhaus (8#)Ausschn,20%
Scheifenhaus 2012

1805 wurden Oben- und Unten-Scheifenhaus wieder vereint, aber 1829 kam es dann vorübergehend sogar zu einer Dreiteilung des Hofes. Auf dem Scheifenkamp an der Straße wurden dafür neue Gebäude errichtet.[7] Für alte Gruitener ist dieser Scheifenhaus-Teil in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eng mit dem Namen Tetard verbunden (später Restaurant Mühlengrund, dann Mulino, heute Milos). 

2008-07-12 Mühlengrund (1)Ausschn,30%
Mühlengrund 2008
Photo by Best DSC!
Mühlengrund und Scheifenhaus 2010

Lothar Weller, 15.12.2018 – Fotos vor 1991: Gruitener Archive (2), Fotos nach 1991 (6): von mir.


[1] Fritz Breidbach, Gruiten – Die Geschichte eines Dorfes an der Düssel, Gruiten 1970, S. 94.

[2] Archiv Breidbach, Bd. 2, S. 17 f. mit Bezug auf Istus Registrum pertinet Ecclese Kayserwerdensis de anno 1387 (Staatsarchiv Düsseldorf, Kaiserswerth-Akten 20 b I).

[3] Breidbach (wie Anm. 1), S. 15. 

[4] Breidbach (wie Anm. 1), S. 16 mit Bezug auf Kreisarchiv Kempen, Depositum Schaesberg K XI 1, Nr. 2160, Bl. 31. 

[5] Breidbach (wie Anm. 1), S. 16 mit Bezug auf die Familiengeschichte Forsthoff. 

[6] Breidbach (wie Anm. 1), S. 95 f. (S. 75: In Obgruiten hatte Peter Niepenberg zu Scheifenhaus [um 1754/55] das Honnenamt. Bezug auf: St.A. Jülich-Berg III, Solingen, Rechnungen 1-59. )

[7] Breidbach (wie Anm. 1), S. 96. 

Advertisements