Hochwasser, oft mehrfach im Jahr, war jahrhundertelang Normalität in Gruiten-Dorf (siehe Als „die Tosende“ noch das Dorf eroberte). Dann kam Ende der 1980er Jahre die Idee auf, die Kleine Düssel nicht mehr im Herzen des Dorfes, sondern erst hinter dem Dorfkern in die Düssel fließen zu lassen. Aber auf positiven Widerhall traf diese Idee zunächst ganz und gar nicht. Auch die großen politischen Parteien waren anfangs strikt dagegen, die Kleine Düssel über den Dorfanger zu leiten.

Da hieß es z.B.: Dieses vom Bergisch-Rheinischen Wasserverband [BRW] vorgestellte Modell kann die CDU Gruiten nicht mittragen […]. Wir gehen davon aus, daß es andere Lösungen gibt, die zukünftig das Hochwasser in Gruiten verhindern.[1] – Die SPD spricht sich […] gegen die Verlagerung der kleinen Düssel über den Dorfanger aus.[2] Und im Haaner Treff konnte man lesen: Ist das jährliche Gruitener Dorffest in Gefahr, fragen sich nun besorgte Bürger, nachdem sie von den Plänen […] erfahren mussten, die Düssel [gemeint ist die Kleine Düssel] über den „Dorfanger“ umzuleiten. […] Als der BRW-Chef […] seine Planungen dem Bürger- und Verkehrsverein [BVV] vorlegte, kam es sofort zu Protesten. Denn nach Meinung des [BVV-]Vorsitzenden […] wäre eine Verlegung der [Kleinen] Düssel über den Anger eine Vernichtung dieses Platzes, der für ein Dorffest dann nicht mehr geeignet sei.[3] 

Die Natur kümmerte sich „natürlich“ nicht um die Diskussion über das Für und Wider einer Führung der Kleinen Düssel über den Dorfanger. Im Mai 1990 stand das Dorf erneut im Hochwasser. Und kurz vor Weihnachten 1991 kam wieder eine Flutwelle, die in der Zeitung so beschrieben wurde: Die seit Freitag anhaltenden Regengüsse ließen gestern mittag den Mühlbach [=Kleine Düssel] und die Düssel auf 1,30 Meter anschwellen. Gegen 14.30 Uhr war es soweit. Das Wasser trat über die Ufer und überschwemmte die Pastor-Vömel-Straße. […] Stündlich stieg der Düssel-Wasserpegel um zehn Zentimeter. […] Die Polizei sperrte die Zufahrt zum Dorf ab, denn bereits um 14.30 Uhr konnte die Düssel die Wassermassen nicht mehr fassen. Auch über die Kanäle konnte das Regenwasser nicht mehr abfließen. Es kam zum Rückstau, so daß das Wasser aus den Gullys strömte und die Straße überflutete.[4]

Kein Zweifel, es musste endlich eine Lösung her. Und sie kam. Umgesetzt wurde der Vorschlag des BRW, also die Führung der Kleinen Düssel über den Dorfanger. Um den Jahreswechsel 1992/93 war der Graben für den neuen Bachlauf bereits ausgeschachtet.[5] Und genau ein Jahr später konnte gemeldet werden, dass die Umleitung ihren Zweck offenbar erfüllt. In der Zeitung hieß es dazu: Nach dem mehrwöchigen Dauerregen ist das Stauraum bietende neue Bachbett fast bis zum Rand gefüllt. Bei soviel Wasser […] hätte es früher am Straßendurchlaß Pastor-Vömel-Straße Überschwemmungen gegeben.[6] 

Die damalige Aussage des BRW, dass die neue Anlage für ein 25jährliches [Hochwasser-]Ereignis ausgelegt sei[5], hat sich bestätigt. „Land unter“ ist wirklich seit 25 Jahren in Gruiten-Dorf nicht mehr zu vermelden gewesen. (Hoffen wir, dass es trotz der zunehmenden Starkregen auch weiterhin so bleibt.) Auch die 1989 sicherlich rhetorisch gemeinte Frage der Befürworter an die Gegner der Umleitung der Kleinen Düssel über den Anger, ob nicht ein durch die Wiese fließendes Gewässer dem Dorf zu einer zusätzlichen Idylle verhelfen würde[3], kann heute wohl mit einem klaren Ja beantwortet werden. Und dem Dorffest hat der Bypass auch nicht geschadet. Inzwischen sind ja schon mehr Feste nach als vor der Umleitung der Kleinen Düssel gefeiert worden.

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Zusammenfluss von Düssel (von links) und Kleiner Düssel hinter dem Dorfkern

Seit 1993 ist die Kleine Düssel etwa 100 Meter länger als je zuvor in ihrer uns bekannten Geschichte. Aber einen Eingriff in ihren Lauf hat es auch früher mindestens schon einmal gegeben, denn der Kanal durch den sie schon seit langer Zeit[7] von der katholischen Kirche parallel zur Straße in Richtung Düssel fließt, ist nicht ihr natürliches Bachbett. Zuvor floss sie auf der anderen Seite der heutigen (Pastor-Vömel-)Straße (die es zu dieser Zeit noch nicht gab) zum Haus am Quall und sorgte hier für die Wasserbewehrung der Bauernburg, bevor sie in die Düssel mündete (siehe: Hatte der Qualler Wehr-/Fluchtturm eine Zugbrücke?). Kuriosum am Rande: Seit 1993 liegen das Ensemble aus reformiertem Predigthaus, Kirche und Pfarrhaus sowie das neben dem Predigthaus stehende steinerne Gebäude der ehemaligen Schule erstmals in ihrer Geschichte auf einer „Insel“, die nur durch die Straßenbrücke über die Düssel vor dem Kirchplatz und den von der Straße über die verlegte Kleine Düssel führenden Weg zum Haus am Quall mit dem „Festland“ verbunden sind.

Lothar Weller, 4.12.2018 – Fotos (2): von mir (1994/95).

Link: Haaner Treff, 19.12.2018, S. 20


[1] CDU-Ortsverband Gruiten, Informationen zum Jahreswechsel 1988/89.

[2] Gruiten 1990 – Information des SPD-Ortsvereins [Gruiten] zum Jahreswechsel.

[3] Haaner Treff, 13.12.1989, S. 17. 

[4] Westdeutsche Zeitung, 23.12.1991.

[5] Westdeutsche Zeitung, 7.1.1993.

[6] Rheinische Post, 10.1.1994. 

[7] Der Kanal könnte im Laufe des 18. Jahrhunderts entstanden sein. Siehe: Fritz Breidbach, Gruiten – Die Geschichte eines Dorfes an der Düssel, Gruiten 1970, S. 10.

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