Als das Rathaus der Bürgermeisterei Gruiten an der Ecke Bahnstraße/Düsselberger Straße 1896-98 erbaut wurde, herrschte in seinem Umfeld noch gähnende Leere. Die meisten Gebäude, die heute die Bahnstraße säumen, sind erst in den folgenden 10 Jahren entstanden. Das Rathaus hat damals geradezu einen Bauboom „auf Station“ ausgelöst. Aber es waren nicht die Gruitener, die das Rathaus an dieser Stelle haben wollten, sondern die Gemeinden Millrath und Schöller, die zusammen mit der Gemeinde Gruiten (einschließlich Obgruiten) die Bürgermeisterei Gruiten (später „Amt Gruiten“) bildeten. Die Gruitener hätten das Rathaus lieber bei den Kirchen im Dorf gesehen. Von heute aus betrachtet war es für Gruiten ein Glücksfall, dass sich vor 120 Jahren die Millrather und Schölleraner durchgesetzt haben.   

Das Titelfoto oben ist offensichtlich direkt nach der Fertigstellung des Rathauses entstanden, denn die Außenanlagen fehlen darauf noch. Die folgenden Ansichten sind einige Jahre später entstanden:

1905min.Rathaus (1)15%
Oben und unten: Amtsrathaus nach 1905, vor 1911. Fotos (Ansichtskarten): Gruitener Archive (oben), Sammlg. Andreas Bleidt (unten).

1898-1911 Rathaus

Auf beiden Fotos fehlt der Anbau, der erst knapp 15 Jahre nach dem Bau des Rathauses an der Nordseite errichtet wurde und auf dieser alten Ansichtskarte zu sehen ist:

1912min.Rathaus m.Anbau (2)

Die Geschichte der Bürgermeisterei bzw. des Amtes Gruiten ist gut dokumentiert, denn zum 75-jährigen Bestehen (1894-1969) wurde eine von Fritz Breidbach verfasste Jubiläumsschrift herausgegeben, der wir viele Informationen – auch über das Rathaus – verdanken. Hier einige Beispiele:

1889, bei der letzten Volkszählung vor der Bildung der Bürgermeisterei Gruiten, hatten die Gemeinden Gruiten, Obgruiten, Schöller und Millrath insgesamt nur 3.492 Einwohner (zum Vergleich: im heutigen Gruiten allein leben fast doppelt so viele). Das Steueraufkommen lag bei 50.336 Mark, wozu auch damals schon eine Hundesteuer ein Scherflein, aber nicht viel weniger als die Gewerbesteuer(!), beitrug. Da schlugen der Kaufpreis des Baugrundstücks mit 2.800 Mark und die Baukosten für das Rathaus mit 28.500 Mark im Haushalts schon ganz ordentlich zu Buche. Für die Verwaltung wurden nur die 4 Räume des Erdgeschosses genutzt. In den oberen Etagen befanden sich Wohnungen. Schon 1898 wurde an der Südwestecke des Grundstücks das „Kaschöttchen“, ein kleines Gefängnis mit einer Wohnung für den Polizeisergeanten gebaut.

Die Amtszimmer im Rathaus waren spartanisch ausgestattet: Stehpult, Tisch, Schrank und einige Stühle für jeden Raum, mehr war noch bis nach dem Ersten Weltkrieg nicht vorhanden. Aber zu jeder Büroausstattung gehörte eine lange Pfeife, die ausgiebig benutzt wurde, wie überliefert ist. Aktenordner und die dazu gehörenden Locher waren zwar schon Ende des 19. Jahrhunderts erfunden worden, hatten aber den Weg ins Gruitener Rathaus noch nicht gefunden. Die Akten wurden mit Nadel und Faden geheftet.  Die Kasse bekam als Ersatz für eine alte, eisenbeschlagene Kiste einen kleinen, gebrauchten Geldschrank.

Etwa 1902 wurden in Gruiten die ersten Telefone angeschlossen. Auch das Rathaus bekam einen Anschluss. Der einzige Apparat hing im hinteren Hausflur an der Wand. Mit dem elektrischen Strom dauerte es noch etwas länger; er zog erst 1905 ins Rathaus ein. Bis dahin wurde wohl bei Kerzenschein gearbeitet, wenn das Tageslicht nicht mehr reichte, oder mit Petroleumleuchten für etwas Helle gesorgt. 

Der erste Bürgermeister hieß Friedrich Kratz. Er war 10 Jahre ehrenamtlich tätig, weshalb er für heutige Ohren ziemlich missverständlich als „Ehrenbürgermeister“ bezeichnet wurde. Erst nach seinem plötzlichen Unfalltod wurde 1905 mit Hugo Kolk der erste hauptamtliche Bürgermeister ernannt. 

1906 wurde die Einrichtung einer eigenen Sparkasse beschlossen, die 1907 die amtliche Genehmigung erhielt. Zunächst konnten dort nur Sparkonten geführt werden, der Giroverkehr kam aber 1923 hinzu. (1952 wurde diese Gemeindesparkasse von der Kreissparkasse Düsseldorf übernommen und als deren Hauptzweigstelle in Gruiten weitergeführt – ab Mitte der 1950er Jahre mit einem eigenen Gebäude neben dem Rathaus.) 

1911 wurde das Rathaus mit einem Kostenvolumen von 19.230 Mark um den oben schon erwähnten Anbau erweitert.

1928 wurde die „Bürgermeisterei Gruiten“ in „Amt Gruiten“ umbenannt.

1937 bekam das Amt Gruiten dieses Wappen mit dem Bergischen Löwen:

1937 Wappen AmtGruiten#
Repro: von mir.
1940 Gruiten_Rathaus_Standesamt,v.AndreasBleidt#Aussch.wg.Wappen
Wappen des Amtes Gruiten über dem Rathaus-Eingang. Foto (1940): A. Bleidt.

In der Zeit davor zierte ein Adler das Wappenfeld über dem Rathauseingang, wie wir nur durch ein einziges Foto aus dieser Zeit, in dem er schwach abgebildet ist, wissen: 1912min.,Rathaus mit Adler-Wappenschild,AusschnWappen#

2003 Rathaus (3)Ausschn.Tür,50%
Rathaus-Eingang mit der alten Tür. Foto (2003): von mir. 

Lothar Weller / 2017 (alle Abbildungen im Text ohne Quellenangabe: Gruitener Archive), erweitert am 23.11. und 28.12.2019 um die „Chronologie 1896-98 aus Meldungen der Haaner Volks-Zeitung“ unten sowie am 12.7.2020 um weitere vier Abbildungen im Text.  

Links: Taeglich.ME, 10.8.2017Rheinische Post, 12.8.2017 * Westdeutsche Zeitung, 11.8.2017 * Haaner Treff, 16.8.2017, S. 7 * Rheinische Post, (18.)19.1.2019


Hauptquelle für den Beitrag oben: 75 Jahre Amt Gruiten, Jubiläumsschrift zum 75jährigen Bestehen des Amtes Gruiten am 1. April 1969, herausgegeben vom Amt Gruiten.


Chronologie 1895-98 aus Zeitungsmeldungen:

Gemeindehaus 26.10.1895
Rheinisches Volksblatt, 29.10.1895. Repro aus: Zeitungsportal NRW/zeitpunkt.nrw.

Meldungen der Haaner Volks-Zeitung:

Am 31.1.1896 beschloss die hiesige Bürgermeisterei-Versammlung […] sich mit dem Neubau eines Rathhauses im Prinzip einverstanden zu erklären. Vor der Entscheidung über die Platzfrage soll Seitens der Bürgermeisterei-Versammlung eine Ortsbesichtigung vorgenommen werden.[1]. Zwei Monate später lesen wir von dem Beschluss, das an der Station Gruiten belegene, als Rathhausplatz in Aussicht genommene Grundstück anzukaufen und zwar bis zu einer Größe von 1 1/2 Morgen. Zur Ausarbeitung eines bezüglichen Projekts wurde eine Kommission gewählt.[2] Anfang Juni d.J. wurde es konkret: Nachdem in der Nähe des hiesigen Bahnhofs ein geeignetes Grundstück für den in Aussicht genommenen Bau eines Rathhauses vor einiger Zeit erworben [wurde], hat jetzt die Bau-Commission sich über ein bestimmtes Projekt schlüssig gemacht und den Architekten Winter mit der speziellen Ausarbeitung desselben beauftragt.[3] Schon Ende Juli d.J. wird berichtet, dass der Bau eines Rathhauses nach den von dem Architekten Winter in Barmen ausgearbeiteten Plänen beschlossen und der Bürgermeister beauftragt wurde, wegen Vergebung der Arbeiten das Weitere zu veranlassen.[4] Öffentlich ausgeschrieben wurden die Arbeiten wie folgt:

1896-08-20 HaanerVZ,Rathausbau,Gemeindehausbau,ohneQuelle
Haaner Volks-Zeitung, 18. und 20.8.1896. Repro aus Zeitungsportal NRW/zeitpunkt.nrw.

Die Auftragsvergabe erfolgte offenbar sehr zügig:

1896-09-10 HaanerVZ,GemeindehsGruiten,Rathaus,ohneQuelle
Haaner Volks-Zeitung, 10.9.1896. Repro aus Zeitungsportal NRW/zeitpunkt.nrw.

Und schon wenige Tage danach gab es den „Ersten Spatenstich“:

1896-09-19 HaanerVZ,RathausGruiten 1.Spatenstich,ohneQuelle
Haaner Volks-Zeitung, 19.9.1896. Repro aus Zeitungsportal NRW/zeitpunkt.nrw.

Knapp eineinhalb Jahre später heißt es in der Zeitung, dass das Rathaus (auch hier – wie schon in der „Verdingung“ vom 14.8. und in den Artikeln vom 10. und 19.9.1896 – „Gemeindehaus“ genannt) nahezu fertiggestellt und nun noch der Bau eines Polizei-Gefängnisses mit Wohnung für den Polizei-Serganten beschlossen worden sei.[5] 

(Anmerkung: Zeitungsberichte über das Richtfest und über die offizielle Eröffnung des Rathauses sind leider noch nicht gefunden worden.)


[1] Haaner Volks-Zeitung, 1.2.1896.

[2] Haaner Volks-Zeitung, 5.3.1896.

[3] Haaner Volks-Zeitung, 11.6.1896.

[4] Haaner Volks-Zeitung, 28.7.1896.

[5] Haaner Volks-Zeitung, 17.2.1898. (Nach dieser Meldung müsste das Titelfoto 1898 aufgenommen worden sein.)