Sie fließt schon seit Urzeiten an der Stelle in die Düssel, wo vor Jahrhunderten das Dorf Gruiten entstand, aber über ihren Namen sind sich die Gruitener bis heute nicht einig. Als der Bürger- und Verkehrsverein ein Namensschild Kleine Düssel stiftete und es am Bachlauf vor der kath. Kirche anbringen ließ, dauerte es nicht lange, bis wenige Meter weiter alteingesessene Anwohner mit einem Schild Mühlbach konterten.

Dabei hat schon Fritz Breidbach in seinem grünen Gruiten-Buch von 1970, das in vielen Gruitener Haushalten liegt, ausschließlich von der Kleinen Düssel geschrieben, wenn er diesen Bach meinte – und auch eine Karte in diesem Buch enthält die Bezeichnung Die kleine Düssel.

Aber trotzdem sind sich viele alte Gruitener völlig einig darüber, dass dieser Bach, der von der einzigen historischen Mühle an seinem Lauf (Mühle zur Mühlen) ins Dorf fließt, von ihnen immer Mühlen- oder Mühlbach genannt wurde und jede andere Bezeichnung nur von Nicht-Gruitenern erfunden worden sein kann. Wer allerdings bei Nicht-Gruitenern an Haaner denkt, der liegt wohl falsch. Die Kleine Düssel entspringt zwar auf altem Haaner Gebiet (Bolthausen), aber der Haaner Lokalhistoriker August Lomberg kannte 1928 offenbar weder den Namen Kleine Düssel noch die Bezeichnung Mühlenbach. In seinem Haaner Heimatbuch beschreibt er den Weg des Baches von der Quelle bis zur Mündung – aber für ihn ist es der Bolthauser Bach. Harro Vollmar hat dann 1987 in seiner umfangreichen Geschichte von Haan und Gruiten die Kleine Düssel an der Stelle beginnen lassen, wo sich der Bolthauser Bach beim Hof Birschels mit dem aus Vohwinkel kommenden Krutscheider Bach vereinigt, weist aber auch darauf hin, dass in modernen Landkarten durchgehend bis zur Quelle Kleine Düssel steht. Damit verwendet zwar ein Haaner Lokalhistoriker die Bezeichnung Kleine Düssel, aber doch erst viele Jahre nach dem Gruitener Fritz Breidbach.

Schauen wir einmal in die weiter zurückliegende Geschichte, schließlich müssen ja schon die ganz alten Gruitener und Obgruitener die große und die kleine Düssel irgendwie auseinander gehalten haben. Ein Beispiel dafür findet sich in einem Solinger Hebebuch von 1683/84. Dort werden aufgeführt: Die Mühle auf dem Düsselbach in der Honschaft Obgruiten, Besitzer Adolf zur Mühlen, und die Mühle von Adolf an der Düssel. Hier wird also zwischen Düsselbach und Düssel unterschieden. Lagebezeichnung und Namen der Hofbesitzer lassen keinen Zweifel daran, dass der eine Hof an der Kleinen Düssel (Zur Mühlen in Obgruiten) und der andere an der Düssel liegt (Große Düssel). Düsselbach klingt hier im Verhältnis zu Düssel wie eine frühe Form von Kleine Düssel. Damit ist der Namensstreit aber nicht entschieden, denn es gibt auch alte Dokumente, in denen die (große) Düssel ebenfalls als Düsselbach bezeichnet wird, z.B. ein Brief von 1666, mit dem sich Arndt an der Düssel gegen den Vorwurf verteidigt, unberechtigt im Düsselbach, der an seinem Hof Große Düssel vorbeifließt, gefischt zu haben.

Als dann 1715 das Bergische Land erstmals vermessen und beschrieben wird, enthält die Karte der alten Herrschaft Schöller zwar den Lauf der Düssel, aber von der Kleinen Düssel findet sich nur der Unterlauf von Zur Mühlen bis zur Mündung in die Düssel – und beide Bäche haben in der Karte keinen Namen.

Unterstützung für die Mühlenbach-Anhänger gibt es aber um 1830. In den Katasterkarten der Bürgermeisterei Haan aus dieser Zeit findet sich gleich mehrmals die Bezeichnung Mühlenbach, nämlich zwischen Hasenhaus und Scheifenhaus und bei Zur Mühlen. Für den Oberlauf von der Quelle bis Zur Mühlen ist keine Bezeichnung vorhanden. Dieser zu kurz geratene Blick, der von Gruiten-Dorf aus nur bis Zur Mühlen reichte, hat aber offenbar nicht lange angehalten. Spätestens 100 Jahre später ist die Kleine Düssel amtlich, wie Unterlagen aus dem Jahr 1928 zeigen. Jetzt gibt es ein Wasserbuch, das von der Wasserbehörde in Düsseldorf geführt wird. Darin ist vom Mühlenbach nicht die Rede. Der Bach heißt nun bürokratisch umständlich Düssel – Kleine – Birschelsbach. Jetzt reicht der Blick also über Zur Mühlen hinaus bis zum Hof Birschels, wo der Krutscheider Bach in die Kleine Düssel mündet, also fast bis zu der Stelle, bei der die Kleine Düssel seit 1841 die Bahnlinie Düsseldorf – Wuppertal unterquert. Doch trotz des amtlich verordneten Namens dreht sich das Namenskarussell weiter. In einem Antrag auf Verleihung eines Staurechtes in Gruiten von 1934, wird der Unterlauf der Kleinen Düssel im Text und in beigefügten Karten überraschenderweise als Gruitenerbach bezeichnet. Aber schon 14 Jahre später – 1948 – verwendet dieselbe Stelle in Grundstückskarten für denselben Abschnitt des Baches diese Bezeichnung nicht mehr, sondern wieder Mühlenbach. Aber dann verliert sich die Mühlenbach-Spur. Es ist nur noch von der Kleinen Düssel die Rede. Bis 1982, da taucht der Mühlenbach plötzlich wieder auf. Und zwar im Historischen Lehrpfad Gruitens. Darin sind zwei Karten enthalten. In der einen steht Kleine Düssel und in der anderen – wir ahnen es schon – Mühlenbach. Ja, und dann eben noch das Schild Mühlbach im Dorf.

Schade ist, dass sich der 1934 so überraschend auftauchende Name Gruitener Bach nicht durchgesetzt hat, denn er hat wohl den ältesten geschichtlichen Hintergrund. Schließlich soll der Bach schon vor tausend Jahren Grutina geheißen und dem an seinem Zusammenfluss mit der Tussela (=Düssel) entstandenen Dorf den Namen Gruiten eingebracht haben.

Lothar Weller, 2010/17 (Text und Foto)

(Dies ist eine leicht veränderte Fassung der Veröffentlichung von 2010. Links: http://www.historisches-dorf-gruiten.de/index_dorf2.htm unter „Kleine Düssel“ und http://www.wz.de/lokales/kreis-mettmann/mettmann/gruiten-was-plaetschert-denn-da-1.167020)

Nachtrag 1: Inzwischen habe ich einen Zeitungsartikel gefunden, der beweist, dass die Bezeichnung Kleine Düssel bereits 1943 öffentlich verwendet wurde. Aber auch in diesem Artikel reicht der Blick wohl noch nicht bis zur Quelle: Es ist […] die sogenannte „Kleine Düssel“, die oben hinter dem Bahndamm, wo Imbusch Gut Birschel bewirtschaftet, entspringt. Das kleine Bächlein ergießt sich in den Mühlteich [beim Gut Zur Mühlen], der von weiteren unzähligen Quellen gespeist wird, sodaß die „Kleine Düssel“ hier soviel „Nahrung“ findet, daß sie im Dorf Gruiten, wo sie sich mit ihrer größeren Schwester, der Düssel, verbindet, eine ganz annehmbare und beachtliche Größe hat. („Die Niederbergische“ – Mettmanner Zeitung – Gruitener Anzeiger, 13.11.1941, Artikel „Ein neues Mühlrad am Gut zur Mühlen“ von Carl Steingaß.) – LW, 2.9.2018

Nachtrag 2: Auch Gertrud Middell hat in einem vermutlich in den 1950er Jahren in der Rheinischen Post erschienenen Artikel mit dem Titel „Wie alt sind Gruitens Höfe?“ die Kleine Düssel erwähnt (... Höfe im Tal von großer und kleiner Düssel …) und die Bezeichnung Mühl(en)bach nicht verwendet. – LW, 28.9.2019